Von Körchow bis nach Australien : Vernarrt in kleine und große Pfeifen

<strong>Opa und Enkel </strong>vereint in der Welt der Musik: Rudi Schendel und Henrik Jarmatz an ihren Drehorgeln. <fotos>Thorsten meier</fotos>
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Opa und Enkel vereint in der Welt der Musik: Rudi Schendel und Henrik Jarmatz an ihren Drehorgeln. Thorsten meier

Aus der kleinen 822-Seelengemeinde Körchow hinaus in die große weite Welt: Henrik Jarmatz hat seine berufliche Leidenschaft bis nach Australien gebracht. Hier lebt und arbeitet der 20-jährige Orgel- und Harmoniumbauer.

svz.de von
11. Juli 2012, 10:25 Uhr

Körchow | Aus der kleinen beschaulichen 822-Seelengemeinde hinaus in die große weite Welt: für Henrik Jarmatz ist dieser Traum vieler junger Menschen wahr geworden. Der 20-Jährige lebt und arbeitet in Sydney, der Hauptstadt des Bundesstaates New South Wales. Sie wurde 1788 gegründet und ist mit 3,64 Millionen Einwohnern die größte Stadt des australischen Kontinents.

"Der Zufall hat mitgeholfen, dass ich jetzt in Sydney lebe und arbeite", erzählt der gebürtige Körchower, dessen ungewöhnlicher Beruf ihn rund 18 000 Kilometer von der Heimat fort brachte. Denn Henrik Jarmatz ist gelernter Orgel- und Harmoniumbauer. Dreieinhalb Jahre hat er das Handwerk von der Pike auf gelernt, in Bonn bei der namhaften Firma Klais. Deren Aushängeschilder stehen im Kölner Dom ebenso wie in Peking, Kuala Lumpur oder Auckland: Orgeln der Firma Klais sind weltweit gefragt. Denn im Bonner Familienbetrieb, der 1882 gegründet wurde, werden alle Teile immer noch von Hand gefertigt: Pfeifen, die bis zu zwölf Meter hoch und 750 Kilogramm schwer sind, ebenso wie solche, die gerade mal vier Millimeter lang sind.

Ein Instrument, das mit seinem Klang die Menschen fasziniert

Die Berufsschule besuchte Henrik Jarmatz mit rund 40 anderen Azubis in Ludwigsburg bei Stuttgart. "In ganz Deutschland bilden höchstens noch 180 Betriebe in diesem Berufszweig aus", erklärt der junge Mann, den die selbstspielenden Instrumente mit ihren Lochbändern schon immer fasziniert haben. Wie auch die Musik, die ihn seit dem Kindergarten begeistert. In der 3. Klasse begann der Körchower Akkordeon zu spielen. Später kam die Orgel hinzu. Dank des Wittenburger Pastors Martin Waack konnte er sogar das dortige klanggewaltige Kircheninstrument spielen und genauestens in Augenschein nehmen. "Ich bin da sogar mal reingekrochen und war beeindruckt von der Mechanik und den Pfeifen", verrät der Orgel-Experte, den seitdem auch die technische Seite neben der musikalischen in den Bann gezogen hat. Denn Orgelbau bedeutet, dass alle Register der handwerklichen Fertigkeiten zum Einsatz kommen: Holzverarbeitung für den Gehäusebau-, Windladen- und Holzpfeifenbau; Kenntnisse in Elektrik, Pneumatik, Mechanik gehören dazu. Und das gute Gehör wird beim Stimmen der Orgelpfeifen ebenfalls herausgefordert.

"Das Zusammenspiel dieser Technik ermöglicht es, ein Instrument zu bauen, das mit überwältigendem Klang die Menschen fasziniert", ist sich Henrik Jarmatz sicher. Vor seiner Berufsprüfung liest er eine Stellenanzeige. "Ich hatte schon lange damit geliebäugelt, ein Jahr ins Ausland zu gehen. Und was eigentlich als Praktikum gedacht war, ist jetzt eine Festanstellung. Ich arbeite in Sydney als Orgelbauer bei einer Firma, die sich darauf spezialisiert hat, Orgeln zu restaurieren, zu reinigen und zu stimmen. Es ist ein toller Job in einer sehr lebendigen Stadt, deren Menschen bei der Arbeit alles langsam angehen lassen. So eine Hektik und Stress wie in Deutschland gibt es dort nicht. Die Herzinfarktrate ist dort extrem niedrig", schmunzelt der Körchower, der seit 2010 auch Mitglied im Club Deutscher Drehorgelfreunde ist. Über diesen Verein kam auch die erste Drehorgel in seinen Besitz. Die spielt jetzt übrigens der Opa, Rudi Schendel, seit einem halben Jahr. Zu allen möglichen Anlässen dreht der 76-Jährige ebenfalls mit Leidenschaft die Kurbel, um seinem rollenden Wunderkasten mittels Lochband musikalisches Leben einzuhauchen. Sich selbst baut Henrik Jarmatz in rund zwei Jahren eine Drehorgel. Alles in liebevoller Handarbeit. Wer einen Blick ins Innere des Musikinstrumentes auf die vielen kleinen Pfeifen aus Ahornholz wirft, bekommt eine Ahnung von der Besessenheit des Körchowers und Wahl-Australiers, für den feststeht, dass er später einmal in die heimatlichen Gefilde zurückkehrt.

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