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Mordprozess : Ungezügelter Hass auf die Nachbarn

vom
Aus der Redaktion des Hagenower Kreisblatt

Thomas D. aus Bleckede steht vor Gericht, weil er im September 2014 versucht hat, drei seiner Nachbarn mit einer Waffe zu töten

von
erstellt am 04.Feb.2015 | 07:56 Uhr

Er sieht aus, als könnte er keiner Fliege was zu Leide tun. Dabei wird dem 52-Jährigen aus Bleckede vorgeworfen, am 16. September vorigen Jahres drei seiner Nachbarn mit einer halbautomatischen Waffe angegriffen zu haben. Es geht um dreifachen versuchten Mord. Und wäre die Munition in dieser Waffe nicht schon so alt und daher die Schusskraft nur gering gewesen, hätte es wohl Tote gegeben. Die drei Angegriffenen, ein Ehepaar und ein weiterer Mann, sitzen dem Angeklagten zu Beginn der Verhandlung als Nebenkläger gegenüber.

Sie verlassen kurz nach der Eröffnung des Verfahrens den Gerichtssaal, weil sie alle drei noch als Zeugen gehört werden sollen. Das Gericht beginnt mit dem Tatverdächtigen, stellt die Personalien fest und der vorsitzende Richter Franz Kompisch fragt ihn, ob er sich zum Tathergang äußern will.


Der Täter sieht sich als Opfer


Er will, und was nun folgt, ist die etwas wirre Schilderung eines Mannes, der sich als Opfer sieht. Er habe 2009 dort in Walmsburg angefangen, sein Haus zu bauen, habe sehr viel selbst gemacht und die Nachbar hätten ihn von Anbeginn beleidigt, herabgewürdigt und beschimpft. Man habe ihm Hundekot auf’s Grundstück geworfen, es sei immer schlimmer geworden. Am Tag selbst sei er zum Einkaufen gefahren und bald darauf wiedergekommen. In der Zeit seiner Abwesenheit hätten die Nachbarn einen Baum beschnitten, dessen Äste herüber hingen. Er habe gesagt, dass hätte er auch noch selbst hingekriegt, sie aber hätten ihn wieder beleidigt. Der jüngere der beiden Männer hätte gegen sein Auto getreten und ab da wären seine Erinnerungen nicht mehr vollständig.

Der Richter fragt genau nach, doch Thomas D. behauptet, er kann sich nicht erinnern, wie er die Waffe aus den Haus geholt hat, wie er einen der Nachbarn in den Rücken schoss, dem anderen, der auf dem Boden lag, die Waffe dicht vor den Kopf hielt und abdrückte, die Frau auch mit der Waffe bedrohte und sie wohl schlug und als das Ehepaar in sein Haus floh, sich von seinem Grundstück einen Vorschlaghammer holte und auf die Türklinke des Hauses des Ehepaars einschlug, weil er dort seinen Hund vermutete.


Die Tatwaffe schon vor
20 Jahren „gefunden“


Die Waffe habe er vor etwa 20 Jahren in Bremerhaven an einem See gefunden. Er sei das Opfer und habe in Notwehr gehandelt. Richter Kompisch setzt nach, deckt Unstimmigkeiten auf und stellt fest:„Sie erzählen hier in epischer Breite, doch immer wenn es darum geht, dass sie etwas gemacht haben, setzt ihre Erinnerung aus. Ich bin mir nicht sicher, ob Sie verstehen, worum es hier geht.“ Es geht noch um die Waffe und darum, dass er in einem Wald einmal einen Probeschuss abgegeben habe. Da sei ihm schon klar gewesen, dass sie keine richtig Schlagkraft habe. Er kenne sich mit Waffen aus, weil er einige Zeit beim Bund gedient habe.

Alle Beteiligten geben sich Mühe, ihre Mimik nicht Bände sprechen zu lassen, aber dem Beobachter im Gerichtssaal wird schon deutlich, dass man den Schilderungen des Angeklagten zumindest skeptisch gegenüber steht. Nach einer Pause wird die erste Zeugin, Kristina G., gehört und plötzlich wird ganz deutlich, dass es hier nicht um irgendeinen harmlosen Trödel geht - dieser Eindruck konnte während der Schilderungen des Angeklagten schon mal entstehen - sondern um Menschen, die um ihre Leben fürchteten. „Wenn die Munition nicht so alt gewesen wäre, dann wären wir jetzt nicht hier, sondern tot,“ so einer der Opfer während der Pause. Kristina G. ist sichtlich nervös, spricht leise und atmet schwer. Sie sitzt mit dem Rücken zu den Zuschauern, aber man merkt ihr deutlich die Anspannung an. Der Angeklagte sei nach einem kurzen Wortwechsel in sein Haus und mit der Waffe wieder herausgekommen. Er habe auf ihren Mann geschossen, dann auf den anderen Nachbarn, der schon am Boden lag. Sie habe mit der Bügelsäge nach ihm geschlagen und sei ins Haus geflohen. Woher sie ihre Verletzungen, eine Platz- und ein Schnittwunde - habe, könne sie nicht sagen.

Auf dem Flur im Gespräch mit den beiden männlichen Opfern und weiteren Nachbarn wird das ganz Ausmaß des Märtyriums, dass die Nachbarn des Angeklagten seit 2009 erduldet haben, deutlich. „Er hat von Beginn an übelst gepöbelt. Er hat gedroht, mir das Haus anzuzünden, gedroht, uns ,platt zu machen‘. Ich bin abends mit dem Hund nicht mehr vor das Grundstück. Wir haben alle Angst gehabt“, so einer der Männer. Er habe Reifen zerstochen, Lack über die Autos gekippt, bis man überall Kameras installiert habe. Sie seien angespuckt worden und der Angeklagte habe die Frauen mit ganz üblen, sexistischen Schimpfworten überhäuft. Am Morgen der Tat hat der Täter der Ehefrau des älteren, männlichen Opfers ein blaues Auge geschlagen, als sie ihr Tor zur Garage schließen wollte. „Wir sind froh, das es nun vorbei ist und hoffen, dass er nicht zurück kommt.“ Es sind noch vier weitere Verhandlungstermine anberaumt.

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