Vellahn : Überleben als Wirt auf dem Lande

Die stattliche Whiskysammlung von Siegfried Kerber und sein Wissen um diesen edlen Tropfen sind bereits legendär.  Fotos: Thorsten Meier
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Die stattliche Whiskysammlung von Siegfried Kerber und sein Wissen um diesen edlen Tropfen sind bereits legendär. Fotos: Thorsten Meier

Abwanderung, Mobilität, Fernseher und PC - all das macht Dorfkneipen arg zu schaffen/Siegfried Kerber hält mit viel Fleiß dagegen

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29. März 2016, 12:00 Uhr

Die Zeiten, in denen sich das halbe Dorf im Gasthaus getroffen hat, gehören längst der Vergangenheit an. Die kleine Kneipe um die Ecke war früher eine Institution, einen Tauschbörse, ein zwielichtiger Handelsort, eine Brutstätte für Klatsch und Tratsch, nichts selten aber auch ein Heiratsmarkt, jedoch immer ein Treff von Arm und Reich.

„Früher sind die Leute im Dorf geblieben, weil kaum jemand ein Auto hatte. Die gestiegene Mobilität, Fernseher und Computer sowie die Abwanderung der Jüngeren sind alles mit Gründe, die es immer schwerer machen, zu überleben“, schätzt Siegfried Kerber ein. Der gebürtige Vellahner führt seit fast 25 Jahren den örtlichen Gasthof „Zur guten Quelle“, im Schatten der Kirche.


1928 hat der Opa die Kneipe eröffnet


1928 habe der Opa, Herrmann Waldschläger, mit seiner Frau Alwine das Haus an genau dieser Stelle eröffnet, berichtet der 44-Jährige. Als der Großvater in Kriegsgefangenschaft geriet, habe seine Oma alleine mit einem Sohn und zwei Töchtern die Geschäfte durch die Kriegswirren gerettet. „Eine der Töchter ist meine Mutter Grete Waldschläger, eine verheiratete Kerber. Mein Vater Rüdiger Kerber ist 1972 eingestiegen“, berichtet Siegfried Kerber, der ursprünglich einmal nach der Erweiterten Oberschule Architektur studieren wollte. „Aber meine Fähigkeiten und Fertigkeiten reichten damals nicht aus, mit dem Zeichnen hat es bisschen gehapert“, erinnert sich der Gastwirt, der seit frühester Kindheit in der Kneipe mitgeholfen habe. „Nach der Wende musste ich dann für mich beruflich eine wichtige Entscheidung treffen. Dabei wollte ich aber auch an meine Eltern denken. Sie waren ja auch nicht mehr die Jüngsten. Ich bin also ins Kneipenwesen reingerutscht und hängengeblieben. 1991 habe ich schließlich meine Gewerbegenehmigung zum Gastwirt bekommen“, gesteht Kerber schmunzelnd. Aber es mache ihm Spaß, auch wenn der Überlebenskampf als Kneiper mittlerweile recht hart sei. „Es gab auch schon Zeiten, wo ich hinschmeißen wollte, weil die finanzielle Schmerzgrenze erreicht schien und Selbstzweifel mich geplagt haben. Doch die werden immer weniger und der größte finanzielle Druck ist auch weg“, erzählt Kerber nachdenklich.


Das Geheimnis des Erfolges ist harte Arbeit


„Das Geheimnis unseres Erfolges ist harte Arbeit. Man darf sich niemals auf dem Geleisteten ausruhen“, betont der Vellahner, der besonders immer dann erfreut sei, wenn Leute vorbeikämen, die seinen Opa noch gekannt haben. Regelmäßig von montags bis freitags Mittagstisch, ehrlich, fair und bezahlbar. Am Wochenende schließlich das volle Programm. Das sei eines der wichtigsten Standbeine der Gastwirtschaft, sagt Kerber, der neben seiner Mutter auch selber koche. Die Speisekarte sei überschaubar. Weniger sei mehr und müsse stattdessen mit Qualität und Preis punkten.


Gastronomisch immer am Ball bleiben


„Das ist sogar genießbar, was ich zusammenkoche oder brate. Wir werden oft unterschätzt. Denn wir haben schon mal ein Silvesterbuffett mit 12 Gängen ausgerichtet.“ Auch Catering gehöre mit zum Angebot. Und das Essenkochen für den Schüler hort in der Ferienzeit. Sowie der Saal im Obergeschoss für maximal 120 Personen. „Viele Vereine aus nah und fern führen dort ihre Versammlungen durch. Feuerwehr, Angler, Jäger und Dart-Spieler beispielsweise kommen regelmäßig zusammen. Familienfeiern sind legendär bei uns“, plaudert Siegfried Kerber weiter im SVZ-Gespräch. Man sei so etwas wie der kulturelle Mittelpunkt im Ort, schätzt er selbstbewusst ein. Er fahre auch ab und zu mit Festzelt übers Land, zum Beispiel für Erntefeste.

„Man muss sich kümmern, gastronomisch immer am Ball bleiben und nichts für selbstverständlich erachten“, sagt Kerber, der nach eigenen Worten viele schöne Abende im Kreise seiner Gäste erlebt haben will. Verschwiegenheit sei oberstes Prinzip, grinst er. „Als Kneiper ist man auch manchmal für den Seelenballast zuständig.“

Dass von Jahr zu Jahr immer mehr Dorfgasthäuser im Land aufgeben, macht Siegfried Kerber etwas traurig. „Mit den Dorfkneipen stirbt ja auch ein altes Stück Kulturgeschichte unserer Region. Auch tourismuspolitisch sollte dieser Umstand nicht leichtfertig außer acht gelassen werden.“ Schließlich lägen Werte wie Nachhaltigkeit und Heimat wieder voll im Trend. Wenn außen alles hektisch sei, suchten die Menschen verstärkt nach Geborgenheit, nach einem Wohnzimmer in der Wirtsstube. Und genauso präsentiert sich auch der Gastraum, mit altem Sofa und rustikalem Mobiliar, das, wenn es könnte, sicher so manche Geschichte zu erzählen hätte.


Musik und Whisky sind weitere Leidenschaft


Siegfried Kerbers große Leidenschaft ist übrigens die Musik. besonders die von U2, R.E.M., Sonnit und Fury in the Slaughterhouse. Ab und an betätigt er sich auch als DJ auf Dorf-, Straßen und Familienfesten. Früher war Handball etwas, was er gerne spielte. Heute gehören auch Dart-Wettkämpfe dazu. je öfter, desto besser.

Und wenn sich der Kneiper in seiner Freizeit selbst mal einen einschenkt, darf das vornehmlich ein schottischer Single-Malt-Whisky sein. Seine recht beeindruckende Sammlung an Flaschen und Verpackungen sowie sein immenses Fachwissen genießen unter Kennern schon seit vielen Jahren einen guten Ruf.

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