Helenenheim Camin : Tot geglaubt, gekämpft, glücklich

Kurt Zager hat sich zurück gekämpft ins Leben. Den geschützten Raum im Caminer Helenenheim möchte er aber nicht mehr verlassen. Der 61-jährige Boizenburger will dort alt werden.  Fotos: nien
Kurt Zager hat sich zurück gekämpft ins Leben. Den geschützten Raum im Caminer Helenenheim möchte er aber nicht mehr verlassen. Der 61-jährige Boizenburger will dort alt werden.

20 Jahre „böse Schicksale“: Die Bewohner im Helenenheim Camin für Suchtkranke werden immer jünger

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15. Juni 2016, 12:00 Uhr

Als Kurt Zager plötzlich von der Bildfläche verschwindet, denken einige ans Schlimmste. „Mensch Kurt, ich hab’ geglaubt, du bist tot.“ Der 61-Jährige ist damals am Ende, sieht keine Perspektive mehr, braucht täglich Unmengen Alkohol, um seine Sinne zu betäuben. Harte Zeiten bei der NVA, die Ehe kaputt, keinen Job mehr – „irgendwann ist es ein Fass ohne Boden geworden“, erinnert sich der gebürtige Boizenburger. „Da hat ’ne Flasche nicht mehr gereicht.“ Pro Tag. Nach dem Tod seiner Frau geht es dann richtig bergab. „Das hat mir die Socken weggehauen.“ Er trinkt, spielt, trinkt, spielt... Bis es 2007 klick macht. Seitdem lebt er im Helenenheim in Camin bei Wittenburg – eine Nachsorgeeinrichtung für chronisch mehrfach geschädigte Suchtkranke. Seit 20 Jahren kümmern sich dort Experten um Schicksale wie das von Kurt Zager.

„Böse Schicksale“, wie Leiterin Eveline Rode sagt. Mit zerbrochenem Leben: vom Vater geschlagen, im Heim groß geworden, im DDR-Knast gesessen... Und viele trinken seit sie 13, 14 sind. Was auffällt: Die „Klienten“ werden immer jünger und kommen in immer schlechterem Zustand zu den zwölf Mitarbeitern der Einrichtung der Evangelischen Suchtkrankenhilfe MV. Altersdurchschnitt 55. „Sie sind am Boden, haben vielleicht schon den Tod vor sich gesehen während der Entgiftung, und finden den Weg zurück ins Leben“ – das seien Erlebnisse, reflektiert die Leiterin. Und auch, wenn die meisten zwar im geschützten Raum der Einrichtung abstinent und zufrieden leben, wenige sogar den Sprung zurück in ein eigenständiges gesellschaftliches Leben schaffen, der Großteil bleibt immer auf Hilfe angewiesen.

Seit achteinhalb Jahren wohnt Kurt Zager im Helenenhaus in Camin, dem Geburtshaus von Helene von Bülow. Dort hat er ein eigenes Zimmer, „Freunde“, eine Aufgabe und Verantwortung als Gruppensprecher. „Ich fühl’ mich wohl und will hier alt werden“, sagt er. Eine eigene Wohnung? „Nein, da hab ich Angst vor. Da greifst du doch irgendwann wieder zur Flasche, bist schnell in deinem Trott drin.“

Innerhalb der Einrichtung sei die Rückfallquote sehr gering, sagt Sozialarbeiter Holger Rühlke. Sehr schwer werde es, wenn sie den geschützten Raum verlassen. Draußen würden sie sich schnell wieder finden, ergänzt Arbeitstherapeut Klaus-Jörg Domik. Und meint die trinkenden Kumpels, die sich oft auch in schlimmen, kriminellen Kreisen bewegen würden. Und die Suchtkranken bleiben anfällig. „Sucht ist ein Verlangen, ein großer Druck“, sagt Eveline Rode. „Sie brauchen die Mittel, um schlimme Dinge zu vergessen.“

Wenn es Menschen wie Kurt Zager dennoch schaffen, trocken zu werden und zu bleiben, davor habe die Heimleiterin Hochachtung. Wohl wissend, dass sie nicht jeden retten kann. „Aber wir bieten ein Geländer zum Festhalten, ein Stück Heimat“, sagt sie. Manche nehmen diese Hilfe nicht an, machen 20, 30 Entgiftungen, ohne Erfolg. Traurig macht sie, wenn Abhängige zu spät die Notbremse ziehen und nach einer erfolgreichen Entgiftung vier Wochen später an Leberzirrhose sterben.

Dass Alkoholkranke keine Lobby haben und die Finanzierung von Heimplätzen wie in Camin einer immer strengeren Prüfung der zuständigen Institutionen unterliegen, betonen alle Mitarbeiter des Caminer Hauses. Aber es sei gut, dass solche Einrichtungen in den 1990-er Jahren entstanden sind, betont Eveline Rode. Vorher hätten Alkoholiker, Behinderte, Demente und Alte in einem Heim gelebt. Jetzt könnten sie viel gezielter betreut werden. Und: Die Leiterin mahnt, nicht vorschnell über die Krankheit zu urteilen. „Das sollte man nicht unterschätzen. Es kann jeden treffen.“ Ehemalige Offiziere, Polizisten, Unternehmer – das Klientel sei sehr gemischt. Auch das Alterstrinken nehme zu, nachdem der Partner gestorben ist. So jemand brauche oft nur kurze Begleitung auf den Weg ins Betreute Wohnen.

Kurt Zager dagegen wird immer Hilfe brauchen. Aber ihm gehe es gut in Camin. Schon tot geglaubt, hat er sich nach einem schweren Unfall mit anschließender Reha 2007 zurück ins Leben gekämpft. „Da hat es klick gemacht.“ Es sei ein steiniger Weg gewesen, aber der einzig richtige.

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