Boizenburg : Theater gegen Vorurteile

Schauspieler Felix Meusel (m.) zeigte eine beeindruckende Adaption des Romans von Janne Teller: „Krieg. Stell dir vor, er wäre hier“.
Schauspieler Felix Meusel (m.) zeigte eine beeindruckende Adaption des Romans von Janne Teller: „Krieg. Stell dir vor, er wäre hier“.

Das Theater Vorpommern war mit einem Klassenzimmerstück zum Thema Flüchtlinge an der Tarnow-Schule zu Gast

svz.de von
03. März 2016, 12:00 Uhr

Das Klassenzimmerstück des Theaters Vorpommern passte wie die Faust aufs Auge. Den Roman „Krieg. Stell dir vor, er ist hier“ hat die außergewöhnliche dänische Autorin Janne Teller zwar schon 2011 geschrieben, doch er ist gerade jetzt, wo das Thema Flüchtlinge das alles beherrschende ist, so aktuell wie nie zuvor. Janne Teller benutzt einen einfachen Trick, um ihre Leser, in diesem Fall Zuschauer, zu einem Perspektivwechsel auf das Geschehen zu zwingen. Die Handlung wird durchweg als Phantasieexperiment - „Stell dir vor ...“ erzählt, die Zuschauer fortwährend direkt mit „du“ angesprochen.

„Stell dir vor, durch die Flüchtlingskrise bricht die EU auseinander, unter den europäischen Staaten bricht Krieg aus und du willst einfach nur noch weg aus Deutschland, um mit deiner Familie dem Bombenhagel zu entkommen“, lud der junge Schauspieler Felix Meusel die Schüler der 10 A an der Rudolph-Tarnow-Schule zu dieser Phantasiereise der besonderen Art ein. Felix Meusel gab über 45 Minuten eine sehr souveräne und intensive Vorstellung, bei der er immer nah an seinen Zuschauern dran blieb. Auch wenn einige Mädchen der Klasse sich alterstypisch lange nicht entscheiden konnten, ob sie ihre Coolness aufrecht erhalten und alle direkten Ansprachen des Schauspielers mit Kichern beantworten oder ob sie sich doch auf das Stück einlassen wollen, die meisten der acht Jungen und sechzehn Mädchen verfolgten die Handlung gebannt.

Im Anschluss an das Stück gab es zusammen mit Felix Meusel und der extra mitgereisten Theaterpädagogin Marion Tank eine Diskussionsrunde. Im Stück unternimmt der Protagonist mit seiner kranken Mutter und seiner kleinen Schwester die teure Flucht nach Ägypten, eines der wenigen Länder, das bereit ist, die deutschen Flüchtlinge aufzunehmen.

„Ich würde nicht fliehen“, sagte eine der Schülerinnen in der Runde danach. „Wenn ich sehe, wie die Leute hier den Flüchtlingen begegnen, würde ich lieber hier sterben.“

Schnell schlug die Diskussion jedoch in eine über die Flüchtlinge vor der Haustür um und es wurden einerseits zahlreiche Vorurteile zum besten gegeben, aber auch erstaunlich reife Kommentare.

Der Geschichtslehrer beispielsweise erzählte von einem Erlebnis in einem Hamburger Schuhladen, wo vor ihm angebliche Flüchtlinge sehr teure Schuhe gekauft hätten und mit 50-Euro-Scheinen bezahlten, die sie stapelweise aus der Hosentasche zogen.

Auf die Frage von Felix Meusel, woher er denn wisse, dass die Leute Flüchtlinge waren, ob er sie gefragt hätte, antwortete der Lehrer: „Das habe ich mich nicht getraut.“

Einer der Schüler, den man auch ab und an bei Kunststücken im Skatepark beobachten kann, meinte: „Es gibt doch überall Pappenheimer, bei uns und bei den Flüchtlingen.“

Auch wurde wieder der erstaunliche Zusammenhang zwischen den Bafög-Zahlungen und denen für Flüchtlinge hergestellt, genauso wie auf der Einwohnerversammlung im Herbst von NPD- und Mvgida-Sympathisanten. Dabei wird das Bafög nach wie vor entsprechend dem Einkommen der Eltern berechnet und hat mit den Zahlungen für die Flüchtlinge nichts zu tun.

„Ich finde, dass die Schüler und Lehrer mit dem Problem Flüchtlingskrise allein gelassen werden“, meint Jugendpflegerin Elke Rudolph, die das Theaterstück an die Tarnow-Schule geholt hat. „Das Schulamt sollte regelmäßig die Direktoren der Schulen einladen und sie über den aktuellen Stand der Dinge informieren, mit dem Auftrag, das an die Lehrer und Schüler weiter zu geben. An mir allein kann das nicht hängen.“

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