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Häuslicher Terror in MV gestiegen : Teufelskreis "Gewalt" durchbrechen

vom

Anna Palinski aus Neu Zachun hat den Teufelskreis häuslicher Gewalt vor vielen Jahren schon durchbrochen. Andere haben da weniger Glück im Kreis. Denn die Zahl der im Land angezeigten Fälle ist weiter gestiegen.

svz.de von
erstellt am 22.Feb.2013 | 07:35 Uhr

Zachun | Immer mehr Gewalt Zuhause: Die Zahl der in Mecklenburg-Vorpommern angezeigten Fälle ist weiter gestiegen. Das belegen auch die Eingangszahlen im Landgerichtsbezirk Schwerin: Im Jahr 2011 gingen bei der Staatsanwaltschaft der Landeshauptstadt, sie ist zuständig für den ganzen Landgerichtsbezirk Schwerin - u. a. die Bereiche Ludwigslust, Wismar, Grevesmühlen und Schwerin, 565 Verfahren ein. "2012 gingen 643 Verfahren im Bereich häusliche Gewalt ein", informiert auf SVZ-Nachfrage Monika-Maria Kunisch als Referatsleiterin Psychosoziale Prozessbegleitung und Kriminalprävention im Justizministerium Mecklenburg-Vorpommern. An allen vier Staatsanwaltschaften seien außerdem Sonderdezernenten für den Bereich Häusliche Gewalt tätig, informiert die Regierungsdirektorin weiter.

Frauenhaus des Landkreises betreut 30 Betroffene pro Jahr

Über einen leichten Anstieg bei der häuslichen Gewalt im Land kann auch Ursula Dipphold berichten. Sie leitet seit 1999 das Frauenhaus des Landkreises und betreut mit ihrem Team im Durchschnitt 30 Frauen pro Jahr. "Mindestens 95 Prozent von ihnen sind Neuzugänge. Leider haben wir auch schon die Töchter da, die früher mal mit ihren Müttern hier waren. Sie suchen sich leider ähnliche Partner, das ist schon deprimierend." Die Zahl der betroffenen Kinder sei im leichten Rückgang begriffen. Waren es früher 30 bis 40 im Jahr, würden jetzt 25 bis 30 gezählt, die zusammen mit ihren Müttern die 1995 eröffnete Zufluchtsstätte aufsuchten. "Wir haben neuerdings auch zwei bis drei über 60-Jährige, die bei uns um Hilfe und Schutz bitten. Einen starken Anstieg verzeichnen wir bei der ambulanten Beratung. Bis zum Jahr 2000 waren es sieben bis zehn Beratungen, inzwischen ist die Zahl auf 50 bis 60 Fälle jährlich geklettert."

Mit der großen Liebe den Traum von Freiheit verwirklichen

Eine, dessen Leben von der Gewaltbereitschaft des ersten Ehemannes überschattet wurde, heißt Anna Palinski. Aus einem behüteten Elternhaus hinaus in die große weite Welt, das ist 1987 der Plan der damals 19-Jährigen. Allein, mit wenig Geld in der Tasche, ohne Wohnung und ohne Job, versucht sie in Ostberlin Fuß zu fassen. Sie findet Arbeit und die große Liebe. Gemeinsam wollen sie raus, aus der sozialistischen Enge mit ihrem staatlich verordneten Glück von Trabi, Neubauwohnklo und Ehekredit. Das junge Paar will die DDR verlassen und landet erwartungsgemäß im Stasi-Knast.

"Es war der Tipp eines ZDF-Korrespondenten, dass wir uns am Grenzübergang Friedrichstraße verhaften lassen sollen. Das sei das Beste, um lebend in den Westen zu gelangen", erinnert sich die heute 45-Jährige. Was folgte, war die Verurteilung zu dreieinhalb Jahren Frauengefängnis in Gera. Doch die bei Güstrow Geborene wird, ebenso wie ihr Partner, im April 1989 von der Bundesrepublik freigekauft, für je 25 000 Westmark. Kommt nach Gießen ins Auffanglager und später nach Hamburg. Alles scheint sich zum Guten zu wenden, doch Anna Palinski gelangt wieder hinter Gitter. Dieses Mal sind es die rasende Eifersucht und der fanatische Kontrollzwang ihres Ehemannes, die ein neues Gefängnis um sie aufbauen. Stein für Stein, Tag um Tag.

"Das Zusammenleben wurde immer unerträglicher", erinnert sich die Zachunerin. Nach einer ehelichen Vergewaltigung habe sie sogar ein Messer an die Kehle gehalten bekommen. Das habe sie auf Dauer krank gemacht. Um Hilfe zu bitten, habe sie sich nicht getraut. Würgemale am Hals, blaue Flecken und ein Einstich über dem Brustbein bringen das Fass zum Überlaufen.

Flucht zur Freundin und Anzeige bei der Polizei

"Ich bin zu einer Freundin geflüchtet und habe ihn bei der Polizei angezeigt. Doch die meinte nur, sie könne nichts machen. Dazu sei zu wenig passiert. Mein heutiger Ex-Mann zeigte Reue und gelobte, sich zu bessern. Also bin ich zurück. Da wurde es dann erst richtig verrückt. Es folgte ein Jahr der Tränen, Verzweiflung und der Angst. Ich war immer am Rand der Selbstzerstörung", berichtet Anna Palinski mit leiser Stimme. Man schäme sich in Grund und Boden und glaube zunehmend, man sei selbst schuld an diesem Teufelskreis. "Sich von solch einem despotischen Partner zu trennen, ist sehr, sehr schwer", gesteht Anna Palinski, die ihre für Körper und Seele schmerzhaften Erfahrungen in einem Buch verarbeitet hat. Es heißt: "Mein Leben gehört mir" und ist die Geschichte einer Befreiung.

"Ich habe ein großes Feedback von Männern und Frauen gleichermaßen auf mein Buch bekommen. Das hat mich sehr gerührt. Ich bin froh, dass dieses Thema endlich enttabuisiert ist und offen angegangen wird", zeigt sich Anna Palinski glücklich. Sie selber schaue ohnehin nur noch nach vorne, sagt sie. Die Vergangenheit wolle sie ruhen lassen. "Mein Leben heute mit meiner Familie, das sind mein Mann, unsere Kinder, Hund und Katze, hat nichts mehr, aber auch wirklich nichts mehr mit dem Leben der jungen Anna zu tun. Und das ist auch gut so."

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