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Boizenburg : Syrische Ärzte möchten hier arbeiten

vom
Aus der Redaktion des Hagenower Kreisblatt

Seit September helfen junge Mediziner aus Syrien in der Erstaufnahmeeinrichtung für Flüchtlinge MVs in Horst

svz.de von
erstellt am 26.Apr.2016 | 12:00 Uhr

Sie leben mittlerweile schon seit über einem halben Jahr in Boizenburg und kaum jemand weiß davon. Die jungen syrischen Ärzte Shawki (28), Mohammad (29) und Ayham (29) kamen am 22. September 2015 als Flüchtlinge nach Horst und halfen von Anfang an bei der medizinischen Versorgung dort. Im Oktober wurden sie in der Boizenburger KMG-Klinik untergebracht und fuhren von da aus jeden Tag in die Erstaufnahmeeinrichtung.

„Wir waren am Anfang fünf“, erzählt Shawki. „Doch inzwischen sind zwei von uns in Hagenow.“ Durch die stark gesunkene Zahl der Flüchtlinge müssen die drei hier verbliebenen Ärzte nur noch ein bis zwei Mal pro Woche am Nachmittag in Horst helfen. Tagsüber besuchen sie jetzt einen Integrationskurs in Hagenow. In dem Integrationskurs lernen sie nicht nur die deutsche Sprache, sondern auch etwas über deutsche Kultur und Tradition.

„Heute haben wir etwas über das Hochzeitsfest hier gehört“, erzählt Mohammad, der selbst schon verheiratet ist mit einer Nierenärztin, die noch in Damaskus im Krankenhaus arbeitet. Er hofft, sie bald nachholen zu können. „Es gibt viele Ähnlichkeiten mit den Festen in Syrien“, meint Mohammad. „Zehn Prozent der Syrer sind Christen.“ Das sind dann 2,5 Millionen Menschen. Wenn die drei Ärzte – Mohammad ist Pulmologe, Shawki HNO-Arzt und Ayham Augenarzt - den Integrationskurs im Juni beendet haben, werden sie in Rostock einen Kurs für Fortgeschrittene besuchen, der bis zum Jahresende geht. Gleichzeitig absolvieren sie ein Praktikum an der Rostocker Uni-Klinik. Anschließend nehmen sie an einem Kurs für medizinische Fachsprache teil und können danach eine Approbationsprüfung ablegen. Wenn sie diese bestehen, können sie hier in Deutschland als Ärzte arbeiten. Professor Reissinger von der Rostocker Uni-Klinik hat die drei syrischen Ärzte unter seine Fittiche genommen und betreut sie einmal im Monat bei ihrer Arbeit in Horst. Die drei schätzen, dass mittlerweile ungefähr 6000 syrische Ärzte nach Deutschland gekommen sind, vor allem junge Männer. Auf die Frage nach dem „Warum?“ kommt eine sehr einleuchtende Antwort: „Ab 15 Jahren können die jungen Männer als Soldaten zur Armee eingezogen werden“, erklärt Ayham. „Wir wollen aber nicht in diesem Krieg kämpfen und sterben, weder für Assad noch für den IS.“ Vorher haben sie beide in einem Krankenhaus in Damaskus gearbeitet, Ayham in Homs. Alle absolvierten nach sechs Jahren Medizinstudium gerade ihre Facharztausbildung. In den letzten Monaten mussten sie vor allem Kriegsverletzte versorgen. „Durch den Krieg wurde das Haus meiner Familie in Damaskus zerstört“, erzählt Mohammad. „Meine Eltern sind mit meinen drei Brüdern und zwei Schwestern wieder in ihr Heimatdorf in den Norden Syriens zurückgegangen Ich habe jetzt seit zwei Jahren und elf Monaten keinen Kontakt mehr zu ihnen.“ Shawki geht es da besser, seine Familie lebt in der Nähe von Damaskus, in einem von Assad kontrollierten Gebiet. Da gibt es noch länger Strom und Internet am Tag, als in den anderen Gebieten, und er kann jeden Tag über WhatsApp mit ihnen schreiben. Von Ayham ist mittlerweile auch sein 15-jähriger Bruder in Deutschland, allerdings in einem Heim für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge in Recklinghausen. Auch er wurde von seiner Familie in dem Moment auf den Weg nach Deutschland geschickt, als Assads Armee ihn einziehen wollte. Viel Kontakt zu den Boizenburgern haben Ayham, Shawki und Mohammad nicht. Sie sitzen an den Nachmittagen, Abenden und Wochenenden oft in ihrer Klinikwohnung und langweilen sich. Sie glauben, die meisten Bewohner Boizenburgs mögen keine Ausländer. Dabei würden sie so gern Kontakt zu Gleichaltrigen hier haben, schon allein, um mit den Einheimischen ihr Deutsch zu trainieren.





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