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1800 Goanauten tanzen drei Tage lang : Strohkirchen in Trance

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Drei Tage Beat nonstop, Zeltburgen am Waldrand, Menschenmassen, die vom Bahnhof ins Dorf strömen. Sind Goaparties fürs Wochenende angekündigt, blocken Gemeinden gewöhnlich ab. In Strohkirchen ist das anders.

svz.de von
erstellt am 05.Aug.2013 | 10:52 Uhr

Strohkirchen | Drei Tage Beat nonstop, Zeltburgen am Waldrand, Menschenmassen, die vom Bahnhof ins Dorf strömen. Sind Goaparties fürs Wochenende angekündigt, blocken Gemeinden gewöhnlich ab. Bürgermeister versuchen, die Veranstaltungen zu verhindern, Anwohner protestieren. In Strohkirchen ist das anders. Hier sagt die Bürgermeisterin: "Wehe, wenn man uns das wegnimmt."

Vor etwa 15 Jahren strömten die Goa-Fans das erste Mal auf den Strohkirchener Acker. Der Wöbbeliner Christian Peseler hat hier ein Feld gepachtet, eine Bühne aufgestellt, Himmel aus Zeltplanen gespannt, Parkflächen abgesteckt. Die Fans kamen - anfangs zaghaft. Inzwischen zu tausenden. Erst Anfang Juni waren knapp 4000 Gäste da, erinnert sich Bürgermeisterin Bärbel Romanowski. Dass zwei Monate später nochmal gefeiert wird, sei zwar ungewöhnlich. "Aber so lange es immer so friedlich abläuft, freuen wir uns, dass die Menschen zu uns kommen." Strohkirchen ist vorbereitet. Die örtliche Feuerwehr sichert das Fest im Schichtrhythmus an allen Tagen ab. Als es einmal unerträglich heiß war, haben Senioren im Dorf Wasserflaschen bereit gestellt. "Nach der Party kamen die Leute sogar wieder und brachten die Pfandflaschen zurück", sagt Romanowski. Verirren sich die Anreisenden im Dorf, wird ihnen der Weg gezeigt. Auch Pannenhilfe leisten die Strohkirchener gern. Eine Belgierin durfte hier letztens ihr kaputtes Auto unterstellen. "Wir haben ihr den Abschleppdienst gerufen. Sie kommt heute noch vorbei und grüßt dankend." Die Bürgermeisterin klopft auf die Holzbank. "Toi toi toi, in all den Jahren gab es keinen ernsten Zwischenfall. Niemand pöbelt. Niemand randaliert." Dass die Mehrheit im Dorf die Party toleriere, liege auch daran, dass viele (Strohkirchener haben freien Eintritt) selbst vorbeischauen, sich ein eigenes Bild machen. Wenn es dunkel wird, läuft auch Strohkirchens Feuerwehrchef Uwe Werner gern mal über das Festgelände. Grüne und rote Strahler verwandeln den angrenzenden Wald in eine Märchenlandschaft. Zwischen bunt leuchtenden Säulen baumeln Hängematten. Am Imbisswagen gibt es Falafel, Lassi und indischen Kaffee. Nebenan handeln Verkäufer mit farbenfrohen Hosen, Schmuck und Zipfeljacken. Wer will, kann sich mit fluoreszierenden Tattoos bemalen lassen, die auf der Tanzfläche im Schwarzlicht leuchten. Vorn am Eingang sitzen die Leute auf Matten und reden. Max aus Uelzen ist das dritte Mal hier. Seit Freitag hat er kein Auge zugemacht. LSD, Kaffee und das Tanzen halten ihn wach, sagt er. "Schlafen kann ich zuhause. Dafür ist es hier zu schön." Er schwärmt von der Atmosphäre, den weltoffenen Menschen, die aus allen Ländern angereist kommen. "Hier kann man offen und ehrlich mit jedem reden."

David Weihs bekommt davon wenig mit. Der Rettungsassistent vom ASB ist mit seinem Team drei Tage vor Ort, versorgt pausenlos starke Schnittverletzungen vom Barfußtanzen und Alkohol- und Rauschmittelvergiftungen. Etwa 100 Menschen am Tag brauchen medizinische Hilfe, zehn von ihnen mussten bis sonntagfrüh in die Notaufnahme des Krankenhauses. Noch sei die Arbeit überschaubar, sagt Sanitäterin Katharina. "Auf der Airbeat One in Neustadt-Glewe hatten wir bei den Massen noch mehr Stress."

Für Bürgermeisterin Bärbel Romanowski aber ist auch nach dem 15. Festival klar: "Man kann nicht alles verbieten. Man muss den jungen Leuten auch Freiräume lassen." Und weil Veranstalter Christian Peseler solche Sätze von Bürgermeistern nicht oft hört, revanchiert er sich mit kleinen Geschenken an die Dorfgemeinde. Für die Kinder gab es ein neues Spielplatzgerät und für die Feuerwehr eine Motorsäge.

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