Stählerner Gartenschlauch

Auf Lager: 24.000 Stahlröhren werden in diesen Wochen per Zug und Schwerlasttransporter an die Trasse gefahren.   Im Frühjahr ist Baubeginn für die norddeutsche Erdgasleitung. Foto: dapd
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Auf Lager: 24.000 Stahlröhren werden in diesen Wochen per Zug und Schwerlasttransporter an die Trasse gefahren. Im Frühjahr ist Baubeginn für die norddeutsche Erdgasleitung. Foto: dapd

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02. Februar 2011, 06:02 Uhr

Greifswald | Das sorgt selbst bei gestandenen Trassenbauern für Staunen: 1,40 Meter im Durchmesser, 440 Kilometer lang, 24 000 Einzelröhren je 15 Tonnen schwer - in Mecklenburg-Vorpommern beginnt im Frühjahr der Bau von Europas größtem Pipeline-Projekt. Für eine Milliarde Euro ziehen die Energieversorger Wingas und E.on Ruhrgas bis zum Herbst 2012 eines der wichtigsten Energieprojekte Deutschlands durchs Land - allein 240 Kilometer quer durch Mecklenburg-Vorpommern. Von Lubmin aus steuert die Leitung zunächst südwestlich auf die Mecklenburgische Seenplatte zu, verläuft zwischen Güstrow und Teterow Richtung Schwerin, um die Elbe in der Nähe von Lauenburg zu queren und bis ins niedersächsische Rehden südlich von Bremen zu führen - Arbeit für 1000 Leute, eineinhalb Jahre lang.

Die Vorbereitungen laufen längst: Spätestens wenn im Herbst 2012 auch der zweite Strang der Ostseepipeline in Lubmin russisches Erdgas für Europas Brenner an Land bringt, soll auch an der Nordeuropäischen Erdgasleitung (NEL) die letzte Schweißnaht gezogen sein. Noch habe das Bergamt Stralsund zwar die notwendige Genehmigung für die Leitung nicht erteilt, sagte NEL-Sprecherin Antje Knollmann. Überlange Schwerlasttransporte würden aber bereits seit Wochen die 24 000 einzelnen Stahlrohre entlang der Trasse auf die einzelnen Lagerplätze verteilen - alle etwa zehn Kilometer ein Lager mit Hunderten Rohren, wie beispielsweise entlang der Autobahn 24 kurz vor Wittenburg.

Kein Nutzen: MV nur Transitland

Das wird Zeit: Noch gebe es zwar einige offene Punkte, man hoffe aber, dass in Kürze der Planfeststellungsbeschluss erteilt werden könne, sagte Bergamtsleiter Martin Froben. Wingas rechnet indes mit wenig Bedenken, erklärte Unternehmenssprecher Nicholas Neu. Anders als bei der kurz vor der Fertigstellung befindlichen 470 Kilometer langen Opal-Gas-Pipeline von Lubmin bis an die tschechische Grenze, die im Sog der kontroversen Debatte um das Kohlekraftwerk in Lubmin gelitten habe, gebe es gegen den Leitungsstrang nach Westen kaum Widerstand.

Einspruch, meint der Bund für Umwelt und Natur (BUND). Die Pipeline sei mit "massiver Bundesunterstützung durchgedrückt worden, kritisierte BUND-Experte Arndt Müller. MV werde nur als Transitland benutzt, habe aber selbst nichts von der Leitung. Zwar seien die Trassenbauer um verträgliche Lösungen bemüht: "Die machen sich einen Kopf." Die Pipeline führe aber dennoch zu erheblichen Eingriffen in die Natur. Es gebe große Zweifel an der Notwendigkeit der Gasleitung, so Müller. Das oft angeführte Argument der Versorgungssicherheit ziehe kaum. "Die war bislang auch schon gegeben."

Trassenbauer bieten Hunderte Jobs an

Trotz der Vorbehalte gehen die Energieversorger in Vorleistung: In diesen Wochen würden die Aufträge vergeben, kündigte NEL-Sprecherin Knollmann an. Im Frühjahr rollen die Bagger an, in MV zunächst an drei Standorten - nahe Lubmin, in der Region Schwerin und in der Nähe von Boizenburg. Eine halbe Milliarde Euro werde allein auf dem Gebiet von MV investiert. Das zahle sich auch für nordostdeutsche Firmen aus, meinte Knollmann. Zwar gebe es für den eigentlichen Leitungsbau nur wenige Spezialfirmen auf der Welt. Dennoch gebe es zahlreiche Dienstleistungsaufträge für die Region. Bauhelfer, Lkw-Fahrer, Bauleute: Nach der Erfahrung vom Bau der Opal-Leitung gebe es eine Reihe von Jobs für einheimische Beschäftigte, sagte Knollmann. So seien von den 2500 an der Opal-Leitung arbeitenden Trassenbauern etwa 500 allein aus Brandenburg eingestellt worden. Auch das: An der Trasse nutzten in Lubmin zwei Frauen die Chance und machten sich mit einem Imbissstand für die Bauleute selbstständig.

In 60 Kilometer langen Bauabschnitten soll sich der Leitungsstrang durch die Landschaft schieben und dabei u. a. 93 Straßen und die Elbe queren. Riesige Kräne werden die zu mehreren hundert Metern langen Strängen verschweißten Rohre aus 22 Millimeter dickem Stahl unter die Erde hieven - eisenharte Stahlrohre verschwinden "wie ein Gartenschlauch" in der Erde, meint Wingas-Sprecher Neu.

Da werden Erinnerungen wach: Die Technik begeistert selbst pensionierte Trassenbauer aus Ostdeutschland, die vor Jahrzehnten an der 550 Kilometer langen Druschba-Trasse die Schweißbrenner zündeten. Heute würden sich einige Pipeline-Veteranen immer mal wieder auch an der Opal-Trasse treffen und über Baufortschritte informieren. Neu: "Die Pipeline-Bauer sind eine richtige Gemeinschaft."

Direktleitung nach Sibirien

Ein Mammutprojekt: 20 Milliarden Kubikmeter Gas sollen jährlich auf der Nordroute ins Land transportiert werden - ein Fünftel des deutschen Gasverbrauchs. Aus der norddeutschen Erdgasleitung ist inzwischen ein nordeuropäisches Projekt geworden. So kaufen sich auch Niederländer und Belgier ein und erwerben große Anteile an dem Milliardenprojekt. "Mit der Ost-West-Verbindung wird Europa direkt mit den großen sibirischen Erdgas-Lagerstätten verbunden", meint Wingas-Sprecher Neu. Ohne die Energie aus dem weiten Sibirien wird es nicht gehen. Die Lagerstätten in der Nordsee würden abnehmen. Neu: "Da wird Europa auf Gasimporte angewiesen sein" - und von Russland abhängiger werden.

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