Boizenburg : So funktioniert Inklusion

Grit Postler fragt ihre Schüler, wieviel 4x2 ist. Die Malfolge wurde dann sogar noch getanzt!.
Grit Postler fragt ihre Schüler, wieviel 4x2 ist. Die Malfolge wurde dann sogar noch getanzt!

Die stellvertretende Direktorin der Ludwig-Reinhard-Grundschule zieht nach zwei Jahren Inklusions-Unterricht Bilanz

svz.de von
01. April 2017, 12:00 Uhr

Katharina Schuster ist eine begeisterte Verfechterin des InklusionsUnterrichtes. Und sie ist eine, die es wissen muss. Denn ursprünglich unterrichtete sie an der Boizenburger Förderschule, wechselte aber vor drei Jahren wegen der sinkenden Schülerzahlen dort an die Ludwig-Reinhard-Schule. Zu diesem Zeitpunkt wurde an dieser Grundschule zum letzten Mal eine Diagnose-Förderklasse (DFK) eröffnet, die im nächsten Jahr ausläuft. In den DFK-Klassen hatten die Schüler zusammen mit ihren Lehrern drei Jahre Zeit, um festzustellen, ob und welcher Förderbedarf bei ihnen besteht und ob sie besser an einer Förderschule aufgehoben wären oder nicht. Seit zwei Jahren werden jedoch alle Kinder - auch solche mit einer körperlichen Behinderung, Down-Syndrom, Hyperaktivität oder Lernschwächen - in „normale“ Klassen eingeschult, sie werden in den Unterricht für alle „inkludiert“. Damit setzt die Ludwig-Reinhard-Grundschule als eine der ersten Bildungseinrichtungen in Mecklenburg-Vorpommern das Inklusions-Konzept um. „Eigentlich gibt es bis 2023 eine Übergangsfrist in MV“, erklärt Katharina Schuster, Vizedirektorin der Reinhard-Grundschule. „Aber jede Schule muss für sich entscheiden, wie sie zur Inklusion kommt.“

In der Rückschau hat sie einen guten Vergleich über die Entwicklung der Schüler in speziellen Klassen oder in inklusiven. „Ich habe schon immer gesagt, dass es bestimmt besser wäre, die Kinder gleich alle zusammen in normale Klassen einzuschulen.“ Wenn die Schüler mit einem Handicap von Anfang an mit den anderen zusammen seien, könnten sie sich viel besser in die Klasse eingliedern und Freunde finden. Das wäre beim Übergang von den DFK- in die Regelklassen nach zwei oder drei Jahren ein großes Problem gewesen. Umgekehrt sei auch die Akzeptanz für die gehandicapten Kinder durch ihre Mitschüler jetzt viel größer und selbstverständlicher. „Jedes Kind hat ein Talent“, davon ist Katharina Schuster überzeugt. „Der eine kann gut lesen oder rechnen, dafür kann der andere toll singen oder malen oder ist handwerklich sehr begabt.“ Die erfahrene Lehrerin kann sich gut daran erinnern, wie sehr die Kinder in den DFK- und Förderklassen immer zu den anderen gehören wollten und unglaublich stolz waren, wenn sie es doch noch geschafft hatten, die Regelklasse zu besuchen. „Die blühen alle auf in der Gemeinschaft. Inklusion bedeutet Gemeinschaft für alle.“

Der Inklusions-Unterricht könne aber nur in alle Richtungen, also auch in Richtung der Begabten und Schnelldenker, gelingen, wenn es genügend Personal gibt. „Im Moment haben wir nur einen Lehrer pro Klasse, der den Spagat schaffen muss, alle da abzuholen, wo sie stehen. Der erkennen muss, wer welche Schwächen hat und wer welche Stärken.“ Im Inklusionspapier von MV würde jedoch stehen, dass allen Lehrern Sonderpädagogen mit zusätzlichen Stunden an die Seite gestellt würden. „Aber der Lehrermangel ist ja riesengroß.“ Allein in MV gibt es derzeit 400 offene Lehrerstellen.

„Bei uns funktioniert es nur, weil wir unsere drei ersten Klassen für die Kernfächer Deutsch und Mathe in vier Lerngruppen aufgeteilt haben. Und zum Glück haben wir seit drei Jahren eine FSJ-Stelle und auch Integrationshelfer.“ Froh ist die Schule auch darüber, dass im Mai die Schulsozialarbeiterin aus der Elternzeit zurückkehrt. „Aber räumlich stoßen wir absolut an unsere Grenzen“, so Katharina Schuster. „Zum Glück ist das neue Grundschulzentrum geplant. Wir brauchen unbedingt Räume für individuelles Lernen.“ Niemand habe ja mit so vielen Schulanmeldungen gerechnet, für das nächste Schuljahr sind es 70. „Mehr können wir nicht aufnehmen.“

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