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Wiederbelebung von Ostdeutschen Mopedmarken : Simson-Vögel starten zum Überflug

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Wurden sie nach der Wende oft mitleidig belächelt, sind sie aus unserem heutigen Straßenbild, egal ob in Ost oder West, nicht mehr wegzudenken. Die Rede ist von den zeitlosen Simson-Mopeds.

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erstellt am 12.Feb.2013 | 10:00 Uhr

Wittenburg | Wurden sie nach der Wende oft mitleidig belächelt, sind sie aus unserem heutigen Straßenbild, egal ob in Ost oder West, nicht mehr wegzudenken. Die Rede ist von den zeitlosen Simson-Mopeds mit ihrem robusten Ossi-Charme, dem sich vor allem Jugendliche nicht entziehen können. Besonders die legendäre Schwalbe, die Vespa des Ostens, mit der einst Gemeindeschwester Agnes durch die DDR-Flimmerszene rauschte, erfreut sich wachsender Beliebtheit. Aber auch Spatz, Sperber, Habicht und Star werden aus verstaubten Scheunenecken geholt, um sie wieder flottzumachen. Oder als Wertanlage zu sammeln.

Ganz legal bis zu 60 Stundenkilometer schnell

"Die kraftvollen Motoren schaffen mit ihrer Drei- oder Viergangschaltung spielend bis zu 60 Stundenkilometer. Alle bis Februar 1992 gebauten Fahrzeuge dürfen dieses Tempo ganz legal fahren. Neu zugelassene Scooter und Roller können und dürfen heute nur noch maximal 45 Stundenkilometer fahren", erklärt Sebastian Grohs einen der vielen Vorzüge der Simson-Vögel. Und sie seien äußerst beständig, betont der gebürtige Tessiner weiter, der heute in Zarrentin lebt. Zusammen mit Andreas Hamann, dessen Wiege einst in Wittenburg stand, hat der 28-Jährige im April letzten Jahres die Firma A & S Kfz Service GbR im Wölzower Weg gegründet. Ein Meisterbetrieb für Autos, Motorräder, Mopeds und rollende Oldtimer aller Art.

Besucht man die Zwei in ihrer riesigen Werkstatt, schlägt einem als erstes der typische wie unverwechselbare Abgasgeruch von Zweitaktmotoren entgegen. Den zweiten Eindruck prägt die geparkte Reihe der Simsons, Jawas und MZ-Motorräder. Einige Schwalben und Stare kosteten nach der Restaurierung ab 2000 Euro aufwärts, erklärt Grohs. "Ich kenne Leute, die besitzen mittlerweile sechs und sieben dieser Zweiräder. Sie sammeln sie oder schaffen sie sich wieder an, weil sie damit sentimentale Jugenderinnerungen verbinden. Jedenfalls liegt die ostdeutsche Vogel-Serie voll im Trend, die Mopeds werden immer beliebter." Etwa vier Monate Arbeit müsse man einplanen, um jedes Fahrzeug wieder optisch wie technisch auf Vordermann zu bekommen.

Mit zehn Jahren erstmals auf der Schwalbe gesessen

"Ich habe bereits mit zehn Jahren auf einer Schwalbe gesessen und sie erstmals selbst auf einem abgesperrten Privatgelände gefahren", erinnert sich Sebastian Grohs, den die Freude am Schrauben seitdem nie wieder losgelassen habe.

Für Andreas Hamann sind Schwalbe und Co. nach eigenem Bekunden etwas zu langsam. Er brauche es kraftvoller unterm Sitz, meint er grinsend. Er fahre eine Simson-AWO mit 250 Kubik, also einem Viertakter. "Ich arbeite schon seit drei Monaten in meiner Freizeit an einer Jawa. Die will ich noch dieses Jahr fahren. Nur die Ersatzteilfrage ist schwierig", berichtet der 29-Jährige. Er schätze das Freiheitsgefühl beim Motorradfahren ganz besonders, gesteht der Wittenburger.

Das mitleidige Lächeln über die knatternden Ost-Legenden ist übrigens längst stiller Bewunderung gewichen. Besonders seit Buchautor Bernd Raffelt im Jahre 2005 mit einem 70-Kubik-Simson-Roller sage und schreibe in nur 39 Tagen 18 Staaten bereiste. Von Osteuropa in den wilden Kaukasus, nach fast vollständiger Umrundung der Türkei durch Griechenland und Italien, spulte der Abenteurer auf dieser Tour über fast drei Kontinente etwa 12 500 Kilometer mit seinem Vehikel runter. Ohne, dass an seinem tapferen Gefährt auch nur irgendetwas Gravierendes kaputt gegangen oder das kleine Moped liegengeblieben wäre. Eben eine Art später Sieg des Sozialismus, wenn man es denn so sehen will.

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