Boizenburg : „Sie wollen, dass du schweigst“

Bei der Eröffnung am Freitagabend war erst die Hälfte der Teilnehmer anwesend.
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Bei der Eröffnung am Freitagabend war erst die Hälfte der Teilnehmer anwesend.

Die Amadeu Antonio Stiftung veranstaltete am Wochenende den Kongress BetaVision im Fairhafen gegen Kommentare von Rechts im Netz

svz.de von
21. Juni 2016, 12:00 Uhr

Das Chaos organisiert sich selbst. Auch wenn das gewöhnliche Konferenzteilnehmer in Schlips und Anzug abschrecken mag, inhaltlich wurden beim Kongress „BetaVision“ am Wochenende Themen abgehandelt, die viele angehen. Denn jeder, der heutzutage im Netz unterwegs ist, kennt das: sobald beispielsweise die Rede von Flüchtlingen ist, hagelt es massenweise Kommentare, die menschenverachtend, fremdenfeindlich und nicht zuletzt respektlos gegenüber den Autoren sind.

Der Umgang damit ist unterschiedlich. Entweder werden die Kommentarspalten gleich deaktiviert oder jemand macht sich die Mühe, die Beiträge zu löschen. Im schlimmsten Fall vermeiden Autoren Themen, die solche Hass-Reaktionen hervorrufen. Ziel erreicht, kann man da nur noch konstatieren.

„Wir haben uns nichts weniger vorgenommen, als das Netz zurück zu erobern“, sagte Theresa Lehmann aus Berlin bei der Eröffnung der Konferenz am Freitagabend im Boizenburger Fairhafen. Um Interessierten das Handwerkszeug dafür mitzugeben, wurde das ganze Wochenende ein Programm mit verschiedenen Workshops angeboten. „Sie wollen, dass Du schweigst – Umgang mit Hate Speech“ hieß beispielsweise der Vortrag von Merle Stöver. „Wer einmal zur Zielscheibe des geballten Hasses in anonymen Nachrichten und Kommentarspalten geworden ist, weiß, was Drohungen und Beleidigungen auslösen können“, schrieb sie in ihrer Ankündigung.

Miro Dittrich sprach über „Filter-Bubbles und ihre Folgen – So informieren sich Rechte im Netz“ und Victoria Schulte über „Das Wiki der Neuen Rechten“, welches über das hinter rechten Akteuren stehende Netzwerk informiert.

Besonders interessant und gut besucht war auch Karolin Schwarz’ Vorstellung der „Hoaxmap“. Das englische „Hoax“ bedeutet so viel wie „Ente“ und die Landkarte dazu nimmt Gerüchte - bisher 396 - über Asylsuchende unter die Lupe und sucht ihrem Wahrheitsgehalt. Der allerdings meistens gegen Null strebt. Die Boizenburger können ein Lied davon singen: Das Gerücht, ein Flüchtling hätte seinen Unterkiefer ausgerenkt, um ein Kind zu verspeisen, hatte dem Dokumentarfilm „Weltbahnhof mit Kiosk“ über den Bahnhof in ihrer Stadt mit Tausenden von Klicks zu Weltruhm im Netz verholfen.

„Die Veranstaltung ist insgesamt entspannt, gut besucht und vor allem ohne Störungen verlaufen“, zog Leo Bellersen von der Amadeu Antonio Stiftung, die die Konferenz organisiert hatte, am Montagnachmittag sein Resümee. Etwa 60 Teilnehmer aus ganz Deutschland und Österreich seien angereist, aber auch ungefähr 20 Jugendliche aus Boizenburg hätten die Gelegenheit genutzt, an den Vorträgen, aber vor allem auch an dem parallel laufenden Graffiti-Workshop teilzunehmen.

„Pünktlich zu Beginn unserer Party am Sonnabend fing es zwar an zu regnen, trotzdem ließen sich ungefähr 200 Jugendliche vor allem aus der Region die Livemusik von Doctorella, Finna und Kobito nicht entgehen“, so Bellersen.

Sein persönliches Highlight sei die Lesung von Stefan Urbach aus seinem Buch „Neustart“ gewesen. Darin berichtet der Netzaktivist, wie er im arabischen Frühling Oppositionellen geholfen hat, ihre Videos und Beiträge sicher ins Netz hochzuladen, ohne dass sie vom jeweiligen Regime zurückverfolgt werden konnten.


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