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Hagenower Kreisblatt

11. Dezember 2017 | 04:57 Uhr

Jessenitz : Sich in Handicap-Last einfühlen

vom
Aus der Redaktion des Hagenower Kreisblatt

Schüler der vierten Klassen aus Vellahn und Wittenburg erlebten und erahnten gestern am eigenen Leibe Nachteile einer Sehbehinderung

von
erstellt am 29.Sep.2014 | 15:01 Uhr

Wie orientiert sich ein Sehbehinderter in seiner Umwelt und auf welche Schwierigkeiten stößt er dabei? Dieser Frage gingen gestern 40 Mädchen und Jungen der vierten Grundschul-Klassen aus Vellahn und Wittenburg nach. Und das aus gutem Grund. Denn in jeder dieser Klassen gibt es einen Schüler beziehungsweise Schülerin, die nur noch weniger als zehn Prozent ihres Sehvermögens besitzen und deshalb aus ihrer Mitte heraus integrativ beschult werden müssen.

„Das ist ja wirklich ganz schlimm“, entfährt es Paul aus Karft. Der Zehnjährige besucht die 4a im Wittenburger Friedensring. „Man kann ja kaum noch etwas sehen.“ So wie ihm, geht es fast allen Kindern, die gestern am Projekt „Sehbehinderung erleben“ teilnehmen, das übrigens von der „Aktion Mensch“ gefördert wird.

Eigens konzipiert worden sei es durch den Jessenitzer Aus- und Weiterbildung e.V. für Grundschulklassen mit hochgradig sehbehinderten Schülern, erklärt Eilyn Brockmöller als Geschäftsführerin im SVZ-Gespräch. Die 40-Jährige ist Mutter von Tochter Carlotta, die durch einen Gendefekt seit ihrer Geburt mit einer starken Sehbehinderung leben muss.

„Sie redet nur darüber, wenn sie an ihre Grenzen stößt und Erwartungen nicht erfüllen kann“, berichtet Brockmöller über ihr neunjähriges Kind, das gegenüber Nachwuchs ohne Sehbehinderung immer ein Vierfaches an Kraft aufbringen müsse. „Sie ermüdet schneller und braucht deshalb mehr Verständnis und Rücksichtnahme“, sagt sie aus eigenem Erleben. Und lobt das Engagement der beiden Klassenlehrerinnen Heike Schmidt aus Vellahn und Gudrun Bork, Wittenburg.

„Die Klassenkameraden sind sozial an ihren sehbehinderten Mitschülern gewachsen, behandeln sie völlig normal und helfen ihnen, wo sie können“, schätzt Heike Schmidt ein, während ihre Kollegin zustimmend nickt. Dass jede Klasse von einer Integrationshelferin betreut werde, empfänden sie als Pädagogen mehr als hilfreich. „Dadurch sind die Mädchen und Jungen regelrecht reingewachsen in die Thematik“, schätzt auch Gudrun Bork ein.

Die Kinder üben derweil unter anderem mit Simulationsbrillen den Alltag zu bewältigen. Treppen zu steigen, Stundenpläne und Uhrzeiten zu lesen oder das Bildschirmlesegerät zu händeln. Auch das Gehen mit dem weißen Langstock entpuppt sich alles andere als leicht. Mit einem neunminütigen Film über den Zweitklässler Felix, bekommen die Viertklässler erstmals eine bildliche, weil räumliche Vorstellung, über die Handicap-Last ihrer Mitschüler. Denn mittels eines Unschärfefilters sehen sie auf einmal genau das Gleiche. Erleben dessen schwierigen Alltag in beklemmender Art und Weise, als sei es ihr eigener. Ahnen vielleicht, dass die Last, die sie zum Glück nicht tragen müssen, anderen Menschen in ihrer Nähe jeden Tag aufs Neue körperlich alles abverlangen.

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