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Boizenburg : Schwerer Neustart für das Fliesenwerk

vom
Aus der Redaktion des Hagenower Kreisblatt

Fliesenhändler t.trading aus Winsen kooperiert mit Boizenburger Werk. Der Standort bleibt erhalten, doch es wird zahlreiche Entlassungen geben

svz.de von
erstellt am 09.Sep.2016 | 20:45 Uhr

Seit einigen Tagen ist es amtlich: t.trading aus Winsen an der Luhe in Niedersachsen schließt sich mit dem Boizenburger Fliesenwerk zusammen. Damit kooperiert ein international erfolgreicher Großhändler mit einem deutschen Fliesenhersteller mit über 100-jähriger Tradition - ein Novum in der deutschen Fliesenbranche. Unter dem Label „Keramische Partnerschaft Boizenburg“ werden beide Unternehmen unter der Führung von Geschäftsführer Alexander Stenzel vom Standort Boizenburg aus agieren. Initiiert hat die Transaktion zum Neustart des Fliesenwerks die Beteiligungsgesellschaft von der Heydt Industriekapital (VDHIK).

Der Kooperation voran gegangen war eine schwere Zeit im Boizenburger Fliesenwerk mit seinen derzeit 257 Beschäftigten.

„Die Stimmung in den letzten Monaten war schlecht“, erzählt ein Mitarbeiter, der nicht namentlich genannt werden möchte. „Es gab nicht mehr genug Geld, um Notwendiges nachzukaufen.“ Für viele sei die Kooperation mit t.trading eine Rettung, auch wenn es Entlassungen geben soll. Denn die Alternative wäre nur die komplette Schließung gewesen.

„Wir werden nicht darum herum kommen, Mitarbeiter des Boizenburger Werkes zu entlassen“, informierte auch Ines Iwersen, die neue Pressesprecherin des Unternehmens, die SVZ. Genau gesagt sind es 87, die gehen müssen, und das in allen Betriebsbereichen. „20 Mitarbeiter gehen freiwillig“, so Iwersen. Diese hätten sich schon vorzeitig nach anderen Jobs umgesehen. Am Donnerstag gab es eine Betriebsversammlung, bei der die Belegschaft informiert wurde. „Viele von denen, die jetzt gehen müssen, kenne ich seit vielen Jahren“, meint eine langjährige Mitarbeiterin, ebenfalls anonym. „Wir sind hier sozusagen zusammen durch dick und dünn gegangen. Ich sehe das Ganze eher als Katastrophe.“

Zu DDR-Zeiten gab es in dem renommierten Boizenburger Werk, das fast ausschließlich für den Westen produzierte, rund 2.000 Mitarbeiter.

Auch für die ca. 60 Beschäftigten von t.trading in Winsen wird die neue Situation nicht ganz einfach. Sie werden in Zukunft von Boizenburg aus arbeiten. „Das ist ein im Durchschnitt ziemlich junger Mitarbeiterstamm“, so die Pressesprecherin. „58 kommen mit. Wer die 50 Kilometer da nun täglich pendelt oder sich in Boizenburg eine Wohnung sucht, ist jedem selbst überlassen.“

t.trading beliefert seit seiner Gründung 2003 Großhändler und Industrie mit Bodenfliesen, Wandfliesen, Terrassenplatten u.ä. Das Unternehmen bietet eigene Serien und stellt auch Exklusiv-Serien her.

„Mein Unternehmen hat sehr vom globalisierten Handel profitieren können. Ich kenne die Stärken, aber eben auch die Schwächen der ausländischen Produzenten. Gerade deswegen glaube ich an den deutschen Produktionsstandort, wenn er eng mit dem Handel zusammenarbeitet. Und genau das machen wir nun in Boizenburg“, äußert sich Alexander Stenzel in einer Pressemitteilung. Er ist sich sicher: Ohne einen leistungsstarken Partner wäre Boizenburg Fliesen und damit einer der letzten deutschen Produzenten vom Markt verschwunden. Das Traditionsunternehmen habe sich zuletzt zu weit vom Markt entfernt und trotz des vorhandenen Produktions-Know-hows nicht mehr schnell genug auf Trends reagiert.

„Wir haben zum Beispiel runde Fließenränder, die eine dicke Trennfuge ergeben“, erklärt eine weitere Mitarbeiterin des Fliesenwerks, die aus Angst um ihren Job nicht genannt werden möchte. „Die Italiener schneiden ihre Ränder und kalibrieren sie.“ Sie sei auch überzeugt, dass das Werk ohne t.trading hätte schließen müssen. „Aber die Stimmung ist natürlich schlecht. Von Montag bis Mittwoch werden die Kündigungen ausgesprochen. Das schwebt wie ein Damoklesschwert über einem, ich kann gar keinen klaren Gedanken mehr fassen.“

Alexander Stenzel blickt sehr optimistisch in die Zukunft: „Wir werden als Multiplikatoren auf dem Markt agieren und für die Zukunft der deutschen Fliesenproduktion viel bewegen können“, so der Geschäftsführer.

Kommentar: Ein herber Einschnitt
Schon seit einem Jahr machen Gerüchte die Runde, dem Boizenburger Fliesenwerk gehe es wieder schlechter. Unter anderem durch das  Russland-Embargo seien Aufträge weg gebrochen. Doch niemand wollte offiziell Auskunft erteilen - man könne einen Niedergang auch herbeischreiben, hieß es. Nun überschlagen sich die Ereignisse:  t.trading schließt sich mit dem Boizenburger Werk zusammen, 107 der 257 Beschäftigten müssen gehen, 20 davon „freiwillig“. So viele Arbeitslose, das ist ein herber Einschnitt, für die Menschen, ihre Familien und für die Stadt. Doch die Alternative wären 257 Arbeitslose gewesen - bei einer Schließung des gesamten Werkes.

 

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