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Hohe Belastung fürs Hagenower Ehrenamt : Schöffen in der Zwickmühle

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Die ehrenamtliche Schöffin Gabriele Bahr hält überhaupt nichts von der anstehenden Gerichtsreform. Aufwand und Kosten werden immens, wenn der Standort verschwindet. Nicht nur für die ehrenamtlichen Helfer.

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erstellt am 23.Jul.2013 | 11:23 Uhr

Hagenow/Boizenburg | Gabriele Bahr versteht die Landespolitiker nicht. "Wenn wir Fehler machen, müssen wir auch einlenken", sagt die Hagenower Geschäftsfrau. Das hätte sie genauso von Justizministerin Uta-Maria Kuder (CDU) erwartet. Auch das mache doch einen guten Politiker aus - zu Fehlern stehen und im Notfall nochmal zurück rudern. Die ehrenamtliche Schöffin und Betreuerin am Hagenower Amtsgericht hält überhaupt nichts von der anstehenden Gerichtsreform. Aufwand und Kosten werden immens, wenn der Standort verschwindet, prophezeit sie. Nicht nur für die ehrenamtlichen Helfer. Ebenso für Gerichtsmitarbeiter, Zeugen, Angeklagte... und dadurch auch für das Land. "Was das kostet." Zudem werde alles komplizierter. "Frau Kuder weiß gar nicht" um diese Dinge, vermutet Gabriele Bahr.

Sie wäre nochmal angetreten zur Schöffenwahl. Aber nur mit dem Gericht vor Ort. Doch diese Frage stellt sich für sie gar nicht, da sie die zwei möglichen Perioden schon hinter sich hat. Ob sie allerdings unter diesen Umständen weiter als Betreuerin arbeiten sollte, lässt sie schon grübeln. Sieben Mandanten in Boizenburg und Dreilützow. Hin zu den Betreuten, weiter zum Gericht nach Ludwigslust oder zur Schuldnerberatung - "das wird eine ganz schöne Fahrerei". Und teuer. 325 Euro Aufwandsentschädigung bekommt sie dafür pro Jahr. Irgendwann werden die Ehrenamtlichen das nicht mehr machen, da ist sie sich sicher. Und das bei steigendem Bedarf im Betreuungsbereich.

Auch wenn es immer komplizierter werde, solange es geht, bleibe sie dabei, sagt die 53-Jährige. "Ich muss ja. Ich hab’s angefangen." Durch gute Organisation will sie es versuchen. Mehr Mandanten nimmt Gabriele Bahr allerdings nicht auf. Stück für Stück lässt sie ihr Amt auslaufen.

Schöffen-Kollegin Simona Achenbach hat sich nochmal für weitere fünf Jahre zur Wahl gestellt. Nur ist sie davon ausgegangen, dass man zurücktreten kann, sollte das Hagenower Gericht wie vorgesehen 2015 geschlossen werden. "Ich habe mich unter anderen Voraussetzungen beworben", sagt sie. Das Ludwigsluster Gericht hätte nie zur Diskussion gestanden. Richter Siegmar Hackbarth, zuständig für die Schöffenwahl in Hagenow, versteht solchen Unmut, verweist aber darauf, dass sich Kandidaten mit Aufstellung zur Wahl verpflichten. Die Boizenburgerin macht dagegen auf die doppelte Zeit aufmerksam, die sie künftig für dieses Amt aufbringen müsste. Statt 45 Minuten von Boizenburg nach Hagenow, fährt sie dann 90 nach Ludwigslust. Eine Tour. Zeit, in der im Job mehr liegenbleibe, sagt die Rathausmitarbeiterin.

Andererseits fasziniert sie die Arbeit als Schöffin. Sie bietet "interessante und vielfältige Einblicke". Mit Themen, die auch ihr eigenes Leben bereichern würden. Themen, mit denen sie sich sonst nie auseinandergesetzt hätte. Wie im Fall von Silvio S. aus Neu Brenz, der seine Ex-Freundin bewusstlos gewürgt haben soll. Am 8. August kommt sie zur fünften Verhandlung nach Hagenow. Jedes Mal für mehrere Stunden. Zusammen mit einer zweiten Schöffin hört sie konzentriert zu, beobachtet den Angeklagten und die Zeugen, und stellt selbst Fragen.

Der Reiz an dieser Arbeit: Sie könne auf einer Ebene mit dem Richter agieren, bei der Urteilsfindung mitwirken. Dabei wundert sie sich über manche kuriosen Dinge, die sich hinter verschlossenen Türen abspielen. Dennoch befürchtet Simona Achenbach, dass die Gerichtsreform ein "Schnellschuss" ist. Die Kosten, der große Landkreis, die weiten Wege - das werde seine Folgen haben.

Bis jetzt "ist die Zusammenarbeit mit dem Gericht top", sagt Gabriele Bahr über den Hagenower Standort. Manchmal genüge ein Anruf. Man vereinbare Fristen, die für Ehrenamtliche akzeptabel seien. Verschwinden jetzt im ganzen Land Gerichte, befürchte sie Schlimmes. Zehn von ursprünglich 21 Standorten und sechs Zweigstellen bleiben. "Bürgernah ist fast gar nichts mehr", sagt sie zur aktuellen Entwicklung in Mecklenburg-Vorpommern. Die Betreuerin verweist auf ein weiteres Problem: Viele haben kein Auto und sind auf den öffentlichen Nahverkehr angewiesen, der immer weiter abgebaut wird in einer Flächenregion wie dieser.

Im Dezember 2013 endet ihre Amtszeit als Schöffin. Ihre Bilanz: Zehn spannende Jahre mit vielen Schicksalen. Sie erinnert sich an einen Fall, in dem es um Menschenschleuser ging. Ein Hagenower Chinese und viele aus der Umgebung seien damals beteiligt gewesen. Und "beim Urteil diskutieren wir richtig mit dem Richter", beschreibt sie. Auch vor den Verhandlungen beraten sie sich darüber, was bereits in den Akten steht. "Wir denken manchmal zu emotional." Der Vorsitzende habe sie oft bremsen müssen. Immerhin sei das eine Straftat, zitiert sie. "Das musste man erst lernen." Sie hofft nun für künftige Schöffengenerationen, andere Ehrenämter und alle Betroffenen, dass die Landespolitiker doch noch einlenken und ihre Stimme mit Bedacht einsetzen, wenn es in die heiße Phase des Gesetzgebungsverfahrens für die Gerichtsreform geht.

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