Hagenow vergibt Gewerberaum an auswärtige Firmen : Schilder-Firma sieht sich ausgebootet

<strong>Michael Stieg</strong> fühlt sich getäuscht und ausgebootet. Seinen fast 40 Jahre bestehenden Kfz-Prägedienst wird es in dieser Form wohl vorerst nicht wieder geben.
1 von 2
Michael Stieg fühlt sich getäuscht und ausgebootet. Seinen fast 40 Jahre bestehenden Kfz-Prägedienst wird es in dieser Form wohl vorerst nicht wieder geben.

Für Michael Stieg war der letzte Junitag auch sein letzter Arbeitstag. Die Kfz-Zulassungsstelle ist aus dem Gebäude des ehemaligen Landratsamtes ausgezogen. Der Prägedienst für Kfz-Schilder wird aber nicht mit umziehen.

svz.de von
02. Juli 2012, 06:25 Uhr

HAGENOW | Für Michael Stieg war der letzte Junitag auch sein letzter Arbeitstag. Jedenfalls im Gebäude des ehemaligen Landratsamtes in der Hagenstraße. Die Kfz-Zulassungsstelle ist dort ausgezogen und eröffnete gestern ein kooperatives Bürgerbüro im Rathaus. Der Prägedienst für Kfz-Schilder, den Stieg betreibt, wird aber nicht mit umziehen. Denn für ihn ist kein Platz im Rathaus. Schuld daran ist offensichtlich eine interne Ausschreibung der Stadtverwaltung für zwei etwa 15 Quadratmeter große Räume. An der hat der 45-jährige Unternehmer teilgenommen, sah seinen Chancen auf den Zuschlag eines Raumes aber von vorn herein gegen Null tendieren. Dabei hatte er noch vor wenigen Wochen die berechtigte Hoffnung, ebenfalls mit von der Partie zu sein. Stieg: "Es gab im Vorfeld des Umzuges mehrere Gespräche mit der Bürgermeisterin. Sie hat mir verbindlich und im Beisein meines Vaters zugesagt, dass ich einen Raum bekomme. Erst Anfang Juni schwenkte sie um und verwies auf eine interne Ausschreibung der Räume."

Stimmt nicht, meint Gisela Schwarz. Sie habe Stieg zu keinem Zeitpunkt eine Zusage gemacht. Wohl habe sie sich gewünscht, dass der seit 1976 in Hagenow bestehende Prägedienst der Familie Stieg weiter mitmischt. Das Vergabeverfahren aber wäre notwendig gewesen, sagt auch Schwarz-Stellvertreter Erik Hofmann. Seine Begründung: "Auch der Landkreis hat in vergleichbaren Fällen ausgeschrieben." Eine Mitwirkung der Stadtvertretung sei nicht erforderlich, das falle in die Zuständigkeit der Bürgermeisterin. Angeschrieben wurden entsprechende Anbieter aus der Region. Es gab aber auch eigene Bewerbungen von Firmen aus der Branche. Geboten hätten letztlich sechs Bewerber. Michael Stieg dagegen spricht von acht Bietern und vermutet in der Sache nur einen Verdrängungswettbewerb.

Halten sich Schwarz und Hofmann hinsichtlich der konkreten Angebote und Firmen diskret zurück, wird Stieg schon deutlicher: "Wenn eine Firma in dieser Branche für einen Raum über 180 Euro pro Quadratmeter Miete bezahlen will, dann ist das nur mit Verdrängung zu begründen. Seriös ist es aus meiner Sicht nicht." Er selbst habe, schätzt er selbstkritisch ein, für beide Räume 500 beziehungsweise 300 Euro pro Monat geboten. Aber nicht pro Quadratmeter wie laut Ausschreibungsangebot vorgegeben, sondern pro Raum. Damit war er nicht nur formal sondern auch wirtschaftlich aus dem Rennen. Angesichts von der Bürgermeisterin nicht bestätigter Angebote von unter anderem 181, 160 und 93 Euro pro Quadratmeter lässt diese den Vorwurf der Unseriosität nicht zu. Aus Sicht der Stadtverwaltung seien die Angebote seriös. Davon gehe man einfach aus. "Im Übrigen", so Schwarz, "sind beide Räume erst einmal nur für ein Jahr vermietet." Man wolle sehen, ob man zueinander passe. Wer nun letztlich einzieht, lässt sie auch noch offen. Das könne man im Rahmen der Eröffnung des Bürgerbüros erfahren. Hofmann: "Es sind noch keine Verträge unterzeichnet, wird aber dann transparent."

Michael Stieg geht allerdings davon aus, dass eine Firma aus Rosenheim das Rennen macht. Seine Behauptung, dass die beiden Räume hinsichtlich ihrer Lage unterschiedlich "wertvoll" sind, weist die Stadtverwaltung zurück. Die Räume lägen nebeneinander. "Stimmt sogar", meint Michael Stieg schmunzelnd, "aber wenn man aus der Zulassungsstelle kommt, muss man an dem einen vorbei, um zum anderen zu gelangen. Da siegt die Bequemlichkeit. Und es muss auch zu denken geben, wenn bei den Angeboten für die Räume A und B immerhin Differenzen von bis zu 150 Euro bestehen. Mehr noch: Frau Schwarz hat mir vor nicht allzu langer Zeit hinter vorgehaltener Hand versprochen, sich dafür einzusetzen, dass ich den ,besseren’ Raum bekomme. Es ist bedauerlich und bezeichnend zugleich, dass sie davon heute nichts mehr wissen will."

Auf die Frage, ob man mit der Ausschreibung einem ortsansässigen Unternehmer quasi die Existenz nimmt, antwortet die Bürgermeisterin: "Ob die Existenz von Herrn Stieg gefährdet ist, vermag ich nicht einzuschätzen. Auf jeden Fall ist in solchen Situationen unternehmerische Kreativität gefragt, muss man versuchen, andere Möglichkeiten zu erschließen." Sie denke im Übrigen, dass man stets fair mit Michael Stieg umgegangen sei und verweist darauf, dass unter Umständen später auch an eine Erweiterung der Räumlichkeiten im Rathaus-Anbau gedacht sei. Der so Angesprochene hat dafür allerdings nur ein müdes Lächeln übrig. Er musste bereits eine Mitarbeiterin entlassen, die für ihn im Bereich Kfz-Zulassung gearbeitet hat. Nun muss er im Rahmen seiner Möglichkeiten und mit der angesprochenen Kreativität versuchen, sich mehr oder weniger über Wasser zu halten. Rosige Aussichten seien das für ihn nicht, meint er. Er befürchtet darüber hinaus auch, dass der Schacher um die Räume auch zu Lasten der Bürger gehen könnte, die mit höheren Preisen für die Kfz-Schilder rechnen müssten. Das sieht Maik Rühmling, ein Hagenower Autohändler, so: "Hätte ein Privatunternehmen einen Gewerberaum für einen Quadratmeterpreis von 180 Euro vermietet, würde man ihm Sittenwidrigkeit vorwerfen und einen ,Halsabschneider’ nennen. Macht dies aber eine öffentliche Institution, ist es natürlich etwas anderes und der Wucherpreis nicht sittenwidrig. Wenn man so viel Geld im Monat zahlt, muss man auch die Kosten umlegen. Das würde bedeuten, dass die Schilder dementsprechend teurer werden und es wieder einmal der Bürger zahlen muss." Dabei sei, ergänzt Michael Stieg, neben der hohen Miete noch nicht einmal berücksichtigt, dass die Stadt zusätzlich noch 17 Prozent Umsatzbeteiligung einstreiche. Stieg: "Wer kann das bezahlen?" Soll auch heißen: Rechtlich ist wohl alles im Rahmen der Möglichkeiten gelaufen.

Im Zusammenhang aller auf dem Tisch liegenden Fakten bleibt aber wohl eine Art "Geschmäckle" mit ungewissem Ausgang für den Bürger.

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen