Flüchtlinge in MV : Sami allein unterwegs

Als sich herumspricht, dass Maria Neumann da ist, wird der Andrang vor der Tür immer größer.
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Als sich herumspricht, dass Maria Neumann da ist, wird der Andrang vor der Tür immer größer.

In der Erstaufnahmeeinrichtung Horst nimmt die Zahl unbegleiteter minderjähriger Flüchtlinge mit jedem Tag zu

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17. September 2015, 11:50 Uhr

Wir treffen Maria Neumann am umlagerten Tor der Erstaufnahmeeinrichtung in Horst. Die junge Frau hat einen sehr verantwortungsvollen Job, besonders in diesen Tagen. Sie ist als Bezirkssozialarbeiterin beim Jugendamt des Landkreises Ludwigslust-Parchim zuständig für die unbegleiteten minderjährigen Flüchtlinge. „Eigentlich dürfen diese Jugendlichen nicht in Horst bleiben“, erklärt Andreas Bonin, der Pressesprecher des Landkreises, der ebenfalls vor Ort ist. „Der Landkreis Ludwigslust-Parchim ist aber in Mecklenburg-Vorpommern ganz allein für alle in Horst ankommenden unbegleiteten minderjährigen Flüchtlinge zuständig. Wir sind zwar wegen weiterer Unterbringungsmöglichkeiten im Gespräch mit den freien Trägern der Jugendhilfe, doch die Kapazitäten sind eben begrenzt.“ Der Landkreis hat derzeit 150 unbegleitete ausländische Jugendliche in Obhut.

In Horst befinden sich an diesem Dienstagnachmittag 55 Vierzehn- bis Siebzehnjährige, manche von ihnen schon seit drei Monaten. Maria Neumann hat heute nur fünf Plätze für eine Unterbringung im Gepäck. Sie versucht, für ihre wenigen Unterbringungsmöglichkeiten immer die jüngsten hier Gestrandeten herauszusuchen und bestellt sie zu einem Gespräch. Dafür steht jetzt der Kopierraum zur Verfügung. „Bis vor kurzem mussten wir diese Befragungen noch unter freiem Himmel durchführen“, lächelt die junge Frau müde. Bei den Gesprächen muss die Sozialarbeiterin unter anderem herausfinden, ob es sich bei den Jugendlichen wirklich um solche handelt, die noch nicht volljährig sind. „Das beurteile ich auch nach Augenschein, z. B. danach, ob die Befragten graue Haare haben. Ich bin ja keine Medizinerin.“ Maria Neumann zur Seite steht Dolmetscher Saif Al-Hajaj vom Adria-Sprachenservice Schwerin, der schon seit einigen Jahren in Deutschland lebt und ursprünglich aus dem Irak kommt. Er kann Dokumente wie Geburtsurkunden prüfen. „Die Arbeit des Dolmetschers hier ist so wichtig “, erklärt Maria Neumann. „Ich arbeite immer mit demselben zusammen. Der Übersetzer ist für die Jugendlichen eine Vertrauensperson, sie müssen mit ihm zum Teil über sehr private Probleme reden, da ist es irritierend, wenn jedes Mal ein anderer kommt.“

Der erste Junge der hereingerufen wird - nennen wir ihn aus Sicherheitsgründen Hussein - hat keine Unterlagen, wie die meisten der Flüchtlinge. Die Schleuser sammeln meist die Pässe ein, weil sie meinen, ohne diese hätten die Flüchtlinge größere Chancen auf Asyl, erläutert Frau Neumann. Hussein ist von Syrien aus in den Libanon geflohen, von dort in die Türkei geflogen, mit einem Boot übers Meer nach Griechenland gefahren und von dort über Mazedonien, Serbien und Ungarn nach Deutschland gekommen. Ein Gesundheitscheck wurde bei ihm noch nicht gemacht, aber er ist geimpft und nicht krank, versichert er. Seine Eltern sind noch in Syrien. Er ist in der elften Klasse. Hussein darf seine Sachen holen. Währenddessen kommt ein Soldat herein und informiert Maria Neumann darüber, dass es jetzt weitere 20 unbegleitete Minderjährige in Horst gibt. Sie hätten sich in den letzten Tagen um das Gelände der Aufnahmeeinrichtung versteckt und seien nun von den Soldaten eingesammelt worden. Frau Neumann muss diese neue Entwicklung zunächst hinnehmen, auch diese Jugendlichen werden erst einmal in Horst bleiben. Derweil hat der nächste Junge den Raum betreten, nennen wir ihn Sami. Sami ist palästinensischer Syrer, seine Eltern sind vor langer Zeit aus Palästina nach Syrien geflohen, er ist dort geboren. Er hat eine Aufenthaltskarte der syrischen Regierung. Sami ist über die Standardroute Türkei, Griechenland, Mazedonien, Serbien und Ungarn hierher gekommen. Er hatte schon einen Gesundheitscheck, aber er ist sehr kurzsichtig und er zittert ständig, erzählt er, er weiß nicht, warum. Sein Vater ist seit vier Jahren in Syrien in Gefangenschaft. Er war Besitzer eines Supermarktes, als eines Tages Soldaten der Regierung kamen und einfach Dinge mitnahmen ohne zu bezahlen. Samis Vater beschwerte sich und wurde als Terrorist festgenommen. Der Supermarkt wurde beschlagnahmt. Samis Mutter war mittellos und allein mit ihm und zwei kleinen Schwestern. Nun, als er 15 war, wurde er auf den Weg nach Deutschland geschickt. Er musste ein halbes Jahr in der Türkei arbeiten, um seine Flucht zu finanzieren. Auch Sami darf seine Sachen holen.

Mittlerweile hat sich herumgesprochen, dass Maria Neumann Jugendliche in Obhut nimmt, vor der Tür drängen sich viele andere Jugendliche. Schon beim letzten und vorletzten Mal wurde ein 15-Jähriger bestellt, der dann aber nicht da war. Heute ist der schmalgesichtige Junge hier, doch Frau Neumann hat jetzt keinen Platz mehr für ihn. Auf die Frage, wie die Jugendlichen über ihre Bestellung zur Sozialarbeiterin in Horst informiert werden, heißt es, sie bekämen einen Zettel mit dem Wort „Jugendamt“. Auf deutsch. Zum Glück kann der Dolmetscher dem fünften Jungen und seinem Onkel klar machen, dass es eher von Vorteil ist, wenn letzterer die Vormundschaft für seinen Neffen übernimmt. So wird doch noch ein Platz in Obhut für den Jungen mit den traurigen Augen frei.

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