zur Navigation springen
Hagenower Kreisblatt

24. Oktober 2017 | 13:39 Uhr

Hagenow : Ruhe nach fast sechs Jahrzehnten

vom
Aus der Redaktion des Hagenower Kreisblatt

Hagenows Kirchgemeinde hat ein massives Glockenproblem. Der Ersatz wird Jahre dauern. Ziel sind vier Glocken im Kirchturm

von
erstellt am 26.Mai.2016 | 12:00 Uhr

Sie ist zwei Tonnen schwer, hängt mehr als 20 Meter über der Stadt und baumelt an einem stählernen Joch. Dieser Träger hat Risse, und damit ist das Schicksal der wuchtigen Glocke besiegelt. Denn selbst bei einer Reparatur wären ihre Tage gezählt. „Glocken aus Stahl haben eben nur eine Lebensdauer von 50 bis 70 Jahren, somit würde eine Reparatur nichts bringen“, erklärte Stefan Reißig, der Kantor.

Letztlich war es eine Entscheidung der Kirchgemeinde unter enger Einbindung der beiden Pastoren Thomas Robatzek und Volker Höppner, die gefährdete Glocke aus Sicherheitsgründen stillzulegen.“ Christian Jessel vom Kirchgemeinderat: „Wir haben schon gewusst, dass es mit unseren Glocken mal ein Problem geben könnte. Daher haben wir ja auch die Revision veranlasst. Das Ergebnis hat uns natürlich alle überrascht und zwingt uns nun zum Handeln. Es ist jetzt aber nicht so, dass die Glocke jeden Moment abstürzen kann. Aber bei weiterem Betrieb hätte es Probleme geben können und das wollten wir ausschließen.“

Im Ergebnis ist seit Tagen nur noch die Bronzeglocke von 1504 zu hören. Die ist zwar wunderschön, aber eben auch im Einzelbetrieb viel leiser. Im Ergebnis ist das Geläut von der Hagenower Stadtkirche (je nach Windrichtung und Windstärke) nicht mehr für alle Bürger in der Stadt zu hören. Jessel dazu: „Das wollen wir den Bürgern erklären, denn einige Anfragen gab es schon. Zum anderen suchen wir jetzt alle zusammen nach einer Lösung des Glockenproblems.“

Und diese Lösung wird und soll umfassend sein, da ist man sich schon einig. Neben der Beschaffung einer Ersatzglocke für die Stillgelegte, soll es im Idealfall um zwei weitere, kleinere Glocken gehen, so dass der Hagenower Kirchturm in einigen Jahren wieder vier Glocken mit einem beeindruckenden Gesamtklang beherbergen könnte. Denn so war es nämlich einmal vor vielen Jahren, wie die Aufzeichnungen der Gemeinde belegen. Die erste Erwähnung über die Glocken stammt von 1602. Ab da gibt es in den Aufzeichnungen ein ständiges Auf- und Ab bei der Ausstattung des Hagenower Kirchturms. Besonders schlimm ging es aber im 20. Jahrhundert zu. Gleich zweimal mussten die Hagenower ihren Kirchenglocken abliefern, damit das Metall für die Kriegsproduktion genutzt werden konnte. Einmal hatten sie Glück, da kamen die Glocken nach dem 1. Weltkrieg unversehrt wieder. Im nächsten Weltkrieg lief das aber anders ab.

In der Gemeindechronik steht dazu: „Am 23. Januar [1942], abends 18 Uhr, läuteten die 2 großen Glocken zum Abschied. Am folgenden Tag wurden sie abmontiert und der kriegswirtschaftlichen Verwendung zugeführt. Im ersten Weltkrieg wurde die größte u. die kleinste Glocke genommen. Da sie aber unversehrt blieben, wurden sie uns wieder zurückgegeben. Die mittlere Glocke, als die historisch so wertvolle, wurde damals von vornherein belassen. Diesmal aber durften wir nur die ganz kleine Glocke behalten. Wir ließen die unter Einem ebenfalls abmontierten, damit sie bei Beerdigungen auf dem Friedhof geläutet wird. Die meisten Beerdigungen finden jetzt von der Friedhofskapelle aus statt. Wäre die Glocke auf dem Turm verblieben, dann würde man ihr Geläute auf dem Friedhof nicht hören.“ Weiter heißt es in der Chronik: Im Jahre 1945 wird auf dem Hagenower Flugplatz eine Glocke gefunden und von einem Mann zum Pastor Saadler gebracht. Die Kirchengemeinde erwirbt die Glocke für 50 Reichsmark. Sie wird als kleine Notglocke im Kirchturm geläutet, weil sich die andere Glocke auf dem Friedhof befindet. Ab 1951 beginnt die Gemeinde Geld zu sammeln für eine neue Glocke. Zudem trifft am 4. Dezember eine Bronzeglocke aus Apolda ein. Sie hängt bis heute im Kirchturm und ist unbekannter Provenienz, ermittelte dazu Stefan Reißig in der Chronik. Erst 1956 wird in Apolda eine 2000 kg schwere Stahlglocke gegossen, die 1957 unter großer Anteilnahme der Bevölkerung in den Kirchturm gebracht wird. Und eben diese Stahlglocke ist durch die Schäden an der Aufhängung nach fast sechs Jahrzehnten außer Dienst gestellt worden. Als Ersatz kommt nur ein Bronzeguß in Frage, Stahlglocken haben sich nicht bewährt.

Eine erste Kostenschätzung gibt es auch schon. Wenn der Traum von bis zu vier Glocken inklusive der nötigen Umbauarbeiten wahr werden soll, dann ist die Rede von gut 130 000 Euro. Es wird also Jahre dauern.


zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Kommentare

Leserkommentare anzeigen