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Hagenower Kreisblatt

21. November 2017 | 05:52 Uhr

Neuhaus : Riskante Fluchten über die Elbe

vom
Aus der Redaktion des Hagenower Kreisblatt

Jahresausstellung des Museums „Altes Zollhaus“ zeigt 18 Biografien von Menschen, die über den Fluss flohen, nun im Haus des Gastes

von
erstellt am 22.Aug.2014 | 18:04 Uhr

Zweimal schon haben Klaus Lehmann und Karin Toben Ausstellungen über Menschen beiderseits der Elbe gemacht - diesmal geht es um beispielhafte Fluchtschicksale im Elbabschnitt zwischen Hitzacker/Bitter und Bleckede/Stiepelse. Ab sofort ist die Ausstellung im Haus des Gastes in Neuhaus zu sehen. Sie wird nicht gesondert eröffnet. Karin Toben erinnert sich an die Recherche zu den Schicksalen von Menschen, die über die Elbe flüchteten:

„Mancher Name wird einem als West-Bürger mit Wohnsitz im ehemaligen Sperrgebiet über die Jahre geläufig, aber erst in dem Moment, als wir in die Akten des Hauptstaatsarchivs Schwerin, in die Polizeiakten, in die Stasi-Akten in Schwerin-Görslow sahen, die Berge von Ermittlungsmaterial, in denen alle wichtigen Namen nur geschwärzt zur Verfügung standen, sichteten, gewannen die Namen Gestalt. So findet man auch bekannte Schicksale wie die der Familien Drenkhahn und Recker, aber auch der Kaarßer Jungs, erneut dargestellt – angereichert mit Wissen aus Stasi-Akten. Trotz der Namens-schwärzungen die Flüchtlinge von einst zu finden, war oftmals detektivische Kleinarbeit. Joachim und Gerhard Schwencke z.B. waren praktisch unauffindbar, weil der doch noch festgestellte Hinweis auf den Familiennamen in den meisten Akten falsch geschrieben war. Da half dann nur noch der Anruf beim vor 50 Jahren natürlich noch nicht tätig gewesenen Pastor in Vellahn, der auf dem Weg zu einer Beerdigung ist, das Handy weiterreicht an seinen Beifahrer, den pensionierten Pastor, und der weitervermittelt an seine Frau, die sich in ihrer Gemeinde natürlich auskennt. Der Weg war geebnet. Aber auch die Suche nach Reinhard Bruhn, dem 3. im Bunde von fünf Lehrlingen aus Jessenitz bei der Flucht in der kalten Novembernacht 1974, war nicht einfach, weil er bereits vor acht Jahren verstarb. Also begann die Spurensuche im Ort seiner Kindheit, in Camin. Das Klinkenputzen endet bei einer alten Frau, die am nächsten Tag einen Kontakt zu einer Freundin in Wittenburg herstellt, die wiederum verweist auf eine Kindergärtnerin am Ort, die mit Reinhard Bruhns Bruder Friedhelm im oberelbischen Wittenberge verheiratet ist. Der 4. im Bunde von einst, Hans-Jürgen Schöber, der in die DDR zurückkehrte, lässt sich über seinen Sohn Dirk in Stiepelse finden – auch Schwester Rita Pflughaupt und ihr Mann Heinz aus Gülze, der als junger Mann seinen Fluchtversuch über die Elbe abbrechen musste, weil neben ihm Schüsse fielen.

Der 5. der Lehrlinge aus Jessenitz kam aus Kloddram.Er ertrank mitten auf dem Fluss und hat wahrscheinlich bis heute kein Grab. Seine 90-jährige Mutter erscheint von einer Alterslosigkeit, als sei für sie die Zeit stehengeblieben, als warte sie immer noch. Die damals 17-Jährigen haben genau gewusst, was sie taten. „Es war kein Dummer-Jungen-Streich“, sind sie sich sicher.
Ähnlich entschieden sieht es bis heute Hans-Michael Frank aus Vockfey, der seiner Mutter einen Zettel auf den Küchentisch gelegt hatte: „Ich bin weg.“ Wohin, das brauchte sich die Flüchtlingsfrau aus Ostpreußen, die ihre eigene Flucht hinter sich hatte, damals nicht zu fragen.

Das Beispiel der großen Familie Launus steht auch dafür, dass Menschen, denen durch Krieg und Vertreibung alles, nicht nur Materielles, abhanden gekommen war, auch bereit waren, die neue Existenz in der DDR für ein unbekanntes, freies Leben zu riskieren – und wie bei Klaus und Anni Launus mit sechs kleinen Kindern in einer Neujahrsnacht über die zugefrorene Elbe zu kriechen.“

Insgesamt 18 Biografien werden in der Ausstellung vorgestellt. Das Haus des Gastes ist außer montags täglich in der Zeit von 11 bis 16 Uhr geöffnet.


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