Lübtheen : Ring frei nach halbem Jahrhundert

Die Lübtheener hatten sogar einen eigenen Boxring, brauchten sich keinen ausleihen. Das taten sie mitunter mit Boxern aus Boizenburg und Hagenow, um bei Wettkämpfen alle Gewichtsklassen besetzen zu können.
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Die Lübtheener hatten sogar einen eigenen Boxring, brauchten sich keinen ausleihen. Das taten sie mitunter mit Boxern aus Boizenburg und Hagenow, um bei Wettkämpfen alle Gewichtsklassen besetzen zu können.

Ex-Boxer der Region treffen sich im örtlichen Stadtkrug, um Erinnerungen auszutauschen und zu fachsimpeln

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19. August 2015, 11:50 Uhr

„Ich bin bei all meinen 15 Kämpfen nie k.o. gegangen“, freut sich Dieter Werner, der gebürtige Lindenstädter, der damals nach eigenen Worten „nur ein kleiner Furz gewesen“ sei, der leichteste und kleinste in der Mannschaft. „Deshalb musste ich auch immer als Erster in den Ring mit meinen 50 Kilo Kampfgewicht“, erinnert sich der 66-Jährige grinsend weiter, der damals in der sogenannten Papier-C-Kategorie geboxt habe.

Boxen und Lübtheen? Dass die Stadt hervorragende Ringer hat, ist ein offenes Geheimnis. Dass hier aber vor über einem halben Jahrhundert bereits die Fäuste geschwungen wurden, wissen nur wenige Eingeweihte. So wie Hartmut Herzmann, der gebürtige Ostpreuße, der 1948 in Lübtheen als Flüchtling eine neue Heimat fand.

„Ich war der Übungsleiter der Sektion Boxen der Betriebssportgemeinschaft Einheit Lübtheen, die wir 1961 gegründet hatten“, berichtet der 76-Jährige im SVZ-Gespräch, der damals schon als aktiver Faustkämpfer für Dynamo Schwerin regelmäßig in den Ring gestiegen war. „Ich war damals beim Volkspolizeikreisamt angestellt. Wir hatten in Lübtheen 20 Mann in der Truppe. Doch als 1964 einige von ihnen wegen versuchter Republikflucht geschnappt wurden, gerieten wir auf das Abstellgleis. Als schließlich mein Bruder versuchte, über die Elbe in den Westen abzuhauen und dabei erwischt wurde, musste ich unter freiwilligem Zwang meine Entpflichtung unterschreiben. Ich wurde also rausgeworfen bei den staatlichen Organen des Arbeiter- und Bauernstaates. Ja, so war das mit der Sippenhaft. Leider war’s das aber dann auch für unsere Sektion Boxen. Die mussten wir dichtmachen“, erzählt Herzmann, den diese menschenverachtende Vorgehensweise der DDR-Oberen immer noch zu schmerzen scheint. Schließlich durfte er bei der Melioration einen neuen Berufsstart wagen, wurde aber jedes Mal bei Arbeiten im Sperrgebiet ausgegrenzt. „Das stank mir mächtig, dieses ständige Misstrauen. Also habe ich später als Melker bei der LPG weitergemacht“, erklärt Hartmut Herzmann, der als junger Bengel Fleischer gelernt hatte. „Bis 2007 war ich bei der Agrar e. G. in Dömitz wieder in meinem ursprünglichen Beruf tätig. Nach der Wende, als ich dann Rentner war, musste ich immer wieder an unsere Boxer-Truppe denken. Deshalb habe ich Kontakte geknüpft zu den Jungs von damals. Alle waren begeistert, leider sind auch eine Handvoll von ihnen schon tot. Am Sonnabend, dem 19. September, soll im Stadtkrug um 10 Uhr ein Treffen stattfinden. Da freuen wir uns schon riesig drauf, Erinnerungen auszutauschen.“

Dann wird auch der Dritte im Bunde, Willi Schmidt, zu Wort kommen. Der 73-Jährige, dessen Wiege einst im polnischen Radziechowy stand, hat 38 Kämpfe bestritten und nur zwei verloren. Einen sogar mit k.o. „Da war kurzzeitig das Licht ausgeknipst“, schmunzelt der 1945 nach Lübtheen Gekommene, der gestern das Gesprächstrio vervollkommnet. Alle drei Ehemaligen schwärmen noch heute in höchsten Tönen von der Kameradschaft, den Achtungserfolgen und dem großen Sportsgeist. Und nicht zuletzt auch vom Ring, der sie gelehrt hat, niemals im Leben aufzugeben und sich immer durchzuboxen.

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