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Hagenower Kreisblatt

23. November 2017 | 21:06 Uhr

Boizenburg : Problemfeld: Flucht.Trauma.Sucht.

vom
Aus der Redaktion des Hagenower Kreisblatt

Ernst Ludwig Iskenius hielt in Boizenburg einen Vortrag zu einem bisher kaum bekannten Themenfeld/Kaum Zahlen für ein verkanntes Problem

svz.de von
erstellt am 08.Feb.2017 | 21:00 Uhr

Etwa 20 Zuhörer waren der Einladung der Suchtberatungsstelle Hagenow und des Flüchtlingsrates Mecklenburg-Vorpommern am vergangenen Freitag gefolgt, um sich den Vortrag von Ernst Ludwig Iskenius im Boizenburger Rathaus anzuhören. „Flucht - Trauma - Sucht“ war sein Thema und vor allem viele, die in ihrer ehrenamtlichen Arbeit mit Flüchtlingen zu tun haben, wollten die sich über dieses kaum bearbeitete Themenfeld informieren. Unter den Anwesenden war auch Ulrike Seemann-Katz, die Vorsitzende des Flüchtlingsrates MV, die Mitarbeiter einer Begegnungsstätte in Wismar, der Koordinator für Gewaltschutz in den Erstaufnahme-Einrichtungen Stern-Buchholz und Horst im Auftrag der Malteser, Patrick Böttcher, aber auch Mitglieder der Boizenburger Willkommens-Initiative.

Seitdem im Herbst 2015 so viele Menschen nach Deutschland flohen, stellten sich auch die Einrichtungen der Suchtberatungen auf einen Anstieg von Klienten mit Migrations-Hintergrund ein. Dieser Anstieg blieb jedoch aus, und das, obwohl viele dieser Menschen schwerste Traumata erlitten haben. Die Ursachen für das Ausbleiben der Betroffenen sind vielfältig, wie an dem Vortragsabend in Boizenburg deutlich wurde.

Der Psychotherapeut Ernst Ludwig Iskenius ist ein Fachmann auf dem Gebiet, er leitete 15 Jahre lang bis 2013 den gemeinnützigen Verein Refugio e.V. in Villingen-Schwenningen und arbeitete mit traumatisierten Flüchtlingen. Das Themenfeld sei ein in Deutschland bisher eher verkanntes Problem, sagte er, es gebe kaum Zahlen dazu. Die Betroffenen wüssten oft nicht, dass und wo sie sich Hilfe holen können, aber es gebe auch zu wenige Psychotherapeuten - übrigens auch für die Einheimischen - und zu wenig Sprachmittler, die als dritte Person in den Sitzungen für eine solchen Therapie aus- bzw. weitergebildet seien.

Zuerst klärte Iskenius über die für viele Anwesende wichtige Frage auf, wer traumatisiert ist und wie man traumatisierte Geflüchtete überhaupt erkennen kann. Dabei wurde klar, dass fast alle Flüchtlinge traumatische Erlebnisse wie eigene Folterungen, Gefängnisaufenthalte, den Verlust von Angehörigen, das Erleben von Gewalt, sexuelle Übergriffe oder Hunger, Durst und Kälte erleben mussten. Gerade minderjährige unbegleitete Flüchtlingen seien oft stark traumatisiert, da sie noch so jung seien und dazu oft von ihren Eltern auf ihre plötzliche Flucht kaum vorbereitetet wurden. Viele Menschen könnten ihre schrecklichen Erlebnisse verarbeiten, das Prinzip Hoffnung sei eine starke Medizin, so Iskenius. Wenn die Schutzsuchenden nach ihrer Ankunft in Deutschland jedoch plötzlich in monatelanger Ungewissheit in den Erstaufnahme-Einrichtungen oder Sammelunterkünften die Hoffnung auf Hilfe und Sicherheit verlieren würden oder unter Einsamkeit, Heimweh, Ausgrenzung, Nichtstun, Ausgeliefertsein oder auch Lärm litten, könne es zu Traumafolgestörungen, den „Posttraumatischen Belastungsstörungen“ (PTBS) kommen. Er rechne damit, dass zwischen 30 und 50 Prozent aller Geflüchteten unter einer PTBS litten. Nach den bisher in Deutschland bekannten Zahlen würden ca. 30 Prozent der von PTBS Betroffenen zu Suchtmitteln greifen.

Dabei sei unter Männern Alkohol stark verbreitet, unter Frauen Tabletten. Bei ihnen würden sich, wie bei vielen Männern auch, PTBS oft psychosomatisch in chronischen Schmerzen äußern. Schmerztabletten wie Valium würden außerdem auch angstlösend und beruhigend wirken. Menschen aus Afghanistan und den angrenzenden Staaten würden traditionell auch zu Opium-Derivaten greifen, Menschen aus Nordafrika eher zu Cannabis. Im Iran ist die Glücksspielsucht weit verbreitet.

Traumatisierte könnten Menschen sein, die ständig in Konflikte verwickelt sind oder solche, die mitten im Gespräch plötzlich wegtreten und irgendwohin starren. Auch ständige Schlafstörung oder Panikattacken in für andere harmlos erscheinenden Situationen seien Hinweise.

Leider sei jedoch das gesamte deutsche Gesundheitssystem auf „kultursensible“ Suchtberatung nicht vorbereitet, so Iskenius.

Patrick Böttcher berichtete, dass in Stern-Buchholz und Horst zwar oft Betroffene erkannt würden, es aber kaum Möglichkeiten gebe, die Menschen entsprechend unterzubringen. Sie könnten nur darauf achten, dass es möglichst keine Vorfälle gibt.

„Außerhalb der Kliniken gibt es nur etwa zehn Psychotherapeuten in MV, die mit traumatisierten Flüchtlingen arbeiten, und etwa 20-30 für Therapiesitzungen geeignete Sprachmittler“, erklärte Ulrike Seemann-Katz gegenüber der SVZ.

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