Nur wenige Polizeikräder im Land : Polizei: Abstieg in die Mopedklasse?

<strong>PHM Olaf Kleist</strong> vor einem Konvoi.
1 von 4
PHM Olaf Kleist vor einem Konvoi.

Sie stellen die flexibelsten Einheiten, ihnen entkommt kaum ein Fliehender, ihr Einsatz spart Personal und nicht zuletzt sind sie auch noch oft das Aushängeschild in der Öffentlichkeit - die Motorradfahrer der Polizei.

svz.de von
10. Juli 2012, 10:18 Uhr

Sie stellen die flexibelsten Einheiten, ihnen entkommt kaum ein Fliehender, ihr Einsatz spart richtig Personal und nicht zuletzt sind sie auch noch oft das Aushängeschild in der Öffentlichkeit - die Motorradfahrer der Polizei. Doch in Westmecklenburg ist die einst wirklich vorzeigbare Truppe sehr lange vernachlässigt worden. Jetzt gibt es nur noch wenige Polizeikräder in der Region, die auch noch tapfer der Musuemsreife entgegensteuern. Aktuell rafft sich das Land zwar zu einem Ersatz der fast 20 Jahren alten-BMW-Kräder auf. Doch die neuen Honda NC700X, die nun kommen sollen, stellen eine ganz andere Klasse dar. Einsätze auf der Autobahn sind mit den zierlichen Motorrädern kaum noch denkbar. Die Polizei wird mit den zwar modernen aber in der Leistung deutlich abgespeckten Motorrädern vieler taktischer Mittel beraubt.

K 75 hat sich als Schlachtross im Alltag längst bewährt

Auf seine K 75 lässt Polizeihauptmeister Olaf Kleist trotz ihres Baujahres 1994 wenig kommen. Mit der schweren Maschine kann er wenigstens einigermaßen mitfahren, auch wenn die Lichtmaschine mit der vielen Technik (Funk, Blaulicht, Folge-System) gelegentlich überfordert war und sich auch beim Fahrwerk längst die Macken des Alters bemerkbar machen. Stationiert ist das Polizeikrad in klassischem Grün bei der Autobahnpolizei in Stolpe an der A 24. Die beiden K 75, die es dort noch gibt, sind der Rest der einst stolzen Garde, die es Anfang der 1990er in Westmecklenburg gab. Maschine für Maschine wurde aussortiert, die Zahl der Polizeikräder sank, oft aus technischen Gründen. Heute sind Beamte auf Polizeikrädern so etwas wie eine Spezies der aussterbenden Art. Dabei schwören die Fachleute, die damit zu tun haben, auf die variablen Einsatzmöglichkeiten.

Verkehrsüberwachung ist das zentrale Thema, das Polizeihauptkommissar Mathias Elert als Sachbearbeiter Einsatz bei der Autobahnpolizei immer wieder im SVZ-Gespräch anspricht. "Wir nutzen unsere Motorräder bei allen nur denkbaren Einsätzen. So schnell und flexibel kann man einen normalen Streifenwagen gar nicht einsetzen. Außerdem komme ich hier mit einem Beamten aus, im Streifenwagen sitzen ja immer zwei. Gut bewährt haben sich die Kräder bei uns auf der A 24 bei Verkehrskontrollen, wo wir einzelne Fahrer mit ihren Fahrzeugen problemlos herausziehen können." Mit der alten BMW, die es immerhin auf 200 Stundenkilometer in der Spitze bringt, kein Problem. Richtig wertvoll werden die Kräder bei Staus. Wo die Rettungsgasse fehlt, wo die Autos stehen, kommt ein Motorrad immer durch und kann so schnell an einer Unfallstelle die Hilfe koordinieren.

Es geht aber auch noch langsamer, z. B. bei der Absicherung von Sondertransporten aller Art oder eben bei Veranstaltungen. Hier stoßen die klassischen Polizeiwagen schnell an ihre Grenzen. Kräder sind hingegen wendig, schnell vor Ort, sorgen schnell für eine wirksame Polizeipräsenz. Elert schwört als Einsatzspezialist nicht umsonst auf die Maschinen. Auch der Fahrer selbst, der natürlich nicht immer auf der Maschine sitzt und auch Streifenwagen fährt, lässt auf den Motorradeinsatz an sich nichts kommen. Zumindest in der warmen Jahreszeit. Im Winter oder auch bei bestimmten Wetterlagen im Herbst wäre der Einsatz der Kräder zu gefährlich.

Und dann gibt natürlich noch die anderen Motorradfahrer, allein im Altkreis Ludwigslust sind ja mehr als 5000 angemeldet. Zu ihnen bekommt die Polizei über ihre Motorradtruppe einen ganz anderen Zugang, aber auch Kontrollmöglichkeiten. In den vergangenen Jahren wurden die Polizeibiker mit ihren Uraltmaschinen allerdings immer mehr bemitleidet, weil sie in Sachen Ausrüstung so hinterher hinkten. Einzig die Schutzkleidung war Top.

Ersatz soll noch im Monat Juli vollzogen werden

SVZ hakte beim Innenministerim nach. Sprecher Michael Teich: "Ein vollständiger Ersatz der K 75-Motorräder ist vorgesehen. Noch im Juli sollen Kräder der Marke Honda vom Typ NC700X übergeben werden." Die Landespolizei, so wurde vom Ministerium weiter bestätigt, verfüge dann insgesamt über 24 silber/blaue Kräder. "Bereits im vergangenen Jahr kamen zehn neue BMW 650 GS, die für den Streifen- und Bäderdienst vorgesehen sind. Ein weiterer Ausbau ist derzeit nicht vorgesehen, es bleibt bei drei Krädern pro Inspektion."

Die gute Nachricht ist der Ersatz an sich, jahrelang hielt sich hartnäckig das Gerücht, man wolle die Polizeikräder ganz abschaffen. Das ist vom Tisch. Doch dafür droht neues Ungemach. Die neuen Maschinen, die angeschafft wurden, sind etwas für Einsteiger. Wendig, preiswert aber nicht gerade schnell und robust. In Bikerkreisen ist man da etwas gehässiger, von "Zwiebacksäge" und "Spielzeug" ist da die Rede. Kein Wunder bei der geringen PS-Zahl und einer Höchstgeschwindigkeit von 165 Stundenkilometern. Damit braucht sich kein Motorradpolizist auf der Autobahn sehen zu lassen. Für den ländlichen Streifendienst ist die neue Maschine hingegen gut geeignet. Für die Verfolgung Flüchtiger nicht, denn schon jeder hoch motorisierte Fluchtwagen hat dann eine reale Chance auf Entkommen. Schon die bisherige K 75 ist alles andere als ein Sprinter. Aber in Zeiten, wo 130 PS und mehr für ein Motorrad wirklich nichts Besonderes mehr sind, gerät die Polizei so hoffnungslos ins Hintertreffen. Auch bei den gesicherten Konvoifahrten, die von der Polizei seit Jahren regelmäßig abgesichert werden, wird man künftig auf die etwas untermotorisierten Beamten mehr Rücksicht nehmen müssen.

Schon jetzt ist es angesichts der Zersplitterung der Motorradkräfte und deren geringer Gesamtzahl schwierig, für größere Einsätze ausreichend Maschinen zusammen zu bekommen. Eskorten gehen schon eine ganze Weile nicht mehr. Sollten Staatsgäste danach verlangen, müssen dazu die Polizei-Spezialisten mit den großen Maschinen aus Hamburg oder Berlin angefordert werden.

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen