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Wittendörp : Pogreß: Ein Dorf kämpft für seine Kirche

vom
Aus der Redaktion des Hagenower Kreisblatt

Einwohner sauer auf umstrittenes Projekt/150 Gegner geben Unterschrift auf Protestliste/Katholischer Pfarrer will bei Neubelebung helfen/Einwohner nun am Zug

svz.de von
erstellt am 09.Feb.2016 | 12:00 Uhr

Die Kirche im Dorf zu lassen, hat für die Bewohner von Pogreß so gar nichts mit Übertreibung zu tun, sondern ist für sie  bitterer Ernst. Gab es doch in jüngster Vergangenheit Bestrebungen, das 1949 von ihnen selbst erbaute Gotteshaus zu zweckentfremden. So war es nicht  verwunderlich, dass die Pogresser aus allen Wolken fielen, als sie beiläufig in dem kleinen Glasschaukasten, der sich vor ihrer  geliebten Feldsteinkirche befindet, eine öffentliche Bekanntmachung erblickten.

„Wir sind nur durch Zufall darauf gestoßen“, schildert Klara Preuß. Die 66-Jährige konnte es gar nicht richtig fassen, als sie das Ideenkonzept „Kirche nur anders“ von Stefan Baerens, Leiter des Dreilützower Schullandheimes, las. Ziel dieses Bauvorhabens sei es wohl gewesen, eine Gruppenunterkunft,  die für   Selbstversorger gedacht sei, zu erschaffen.  Der Anbau sollte in Form eines „überdimensionalen Zauberwürfels“ entstehen und Platz für 26 Betten, sowie  acht Schlafräume bieten. Mit diesem Gedankenkonstrukt, so dachte Baerens, ,,könne er den langfristigen Erhalt“ der kleinen Feldsteinkirche sichern. Zusätzlich würde dieses „grob umrissene Projekt“ neue Arbeitsplätze ermöglichen, ein Markenzeichen für die Region werden und eventuell auch den Tourismus  ankurbeln.“

Das sehen die  Bewohner des 161-Seelendorfes allerdings ganz anders.  Jeder zweite Bewohner sei Katholik und hätte nun Angst, dass man seine  Kirche durch dieses Vorhaben zweckentfremde.  „Unsere Vorfahren und auch heute noch lebenden Dorfbewohner haben dieses Gebäude eigenhändig erbaut. Die  Materialien für den Bau, stammen alle von den Katholiken aus Pogreß“, verrät Klara Preuß,  deren Familie bereits seit 1949 den Kirchenschlüssel verwahrt.

In einer Urkunde über die Grundsteinlegung der Kapelle in Pogreß vom 5. Mai 1949 steht Schwarz auf Weiß geschrieben, dass der damalige Landwirt Josef Temme das Baugrundstück der Gemeinde schenkte.  Bereits damals hatten die örtlichen Katholiken den Wunsch, ein Gotteshaus im eigenen Dorf zu haben. 

„Früher haben wir dort regelmäßig Messen gefeiert und Andachten abgehalten“, erklärt Klara Preuß  im SVZ-Gespräch. Auch ihr Sohn René Preuß habe zu dieser Kirche eine ganz besondere Verbindung, wie wohl jeder Pogreßer auch. „Ich wurde dort getauft, habe als Ministrant mitgewirkt und ab und an bin ich auch als Küster eingesprungen“, erinnert sich der heute 39-Jährige.  Auch er wäre sehr traurig, wenn seine Kirche umfunktioniert  würde. So kam es, dass die Pogresser seit Bekanntgabe des Projektes  eine Unterschriftenaktion als Akt des Widerstandes ins Leben riefen.  Mittlerweile seien es 150 Namen, die sich auf dieser Liste verewigt haben. Enttäuscht und verärgert seien die Einwohner,  weil sie glauben, man habe ihnen etwas überstülpen wollen.

Diese Welle der Empörung bedauere er sehr, sagt Stefan Baerens gestern. Das sei nicht seine Absicht gewesen. „Eine Bauvoranfrage kann ja jeder erst mal ganz unverbindlich stellen. Die Idee ist nach wie vor gut. Ich habe nie etwas anderes vorgehabt, als die Kirche für die Zukunft zu erhalten“, sagt er, der sich in Progreß mehr Gesprächsbereitschaft gewünscht hätte.

Dass die Kirche schon seit mehreren Jahren offensichtlich nicht mehr genutzt werde, habe ihn zu diesem, seinem Schritt ermutigt.

In der Tat hat es in dem Gotteshaus seit mindestens fünf Jahren keinen Gottesdienst mehr gegeben. Sie  wisse auch, dass Pastor  Bernhardt Angrick ein vielbeschäftigter Mann sei, sagt Klara Preuß.  Dennoch würden sich die Pogresser   freuen, wenn wenigstens  ein bis zwei Mal im Jahr eine Messe in ihrer Kirche stattfinden könnte.

„Ich bin für die gesamte  Gemeinde  Wittenburg zuständig.  Meistens wünschen sich die Christen, den Gottesdienst auf einen Feier- oder Sonntag zu legen. Letztendlich kann aber auch ich mich nicht teilen und muss  darauf achten, dass ich mir meine Kräfte sinnvoll portioniere. Ich werde  keine Versprechen machen, ob und wie oft  wir in Zukunft  eine Messe feiern können“, erklärt der 66-Jährige. Es sei doch jedem Christen aber auch anheim gestellt, jederzeit alleine eine Andacht zu organisieren und sie auch  in Abwesenheit des Pfarrers abzuhalten. Eine regelmäßige Versorgung mit Gottesdiensten sei nicht mehr möglich, betont Angrick gegenüber der Lokalredaktion. Er könne den Unmut der Bewohner auch verstehen. Jedoch hätte er auf dem Infoabend, der im November letzten Jahres stattfand, das Gefühl gehabt, dass Stefan Baerens überhaupt nicht zu Wort gekommen sei. „Das fand ich sehr schade. Wir alle haben doch  das Bestreben, die Kirche zu erhalten. Denn der demographische Wandel zeigt  auch, dass viele Standorte nicht mehr erhalten werden können . Die Pogreßer Kirche gehört eben leider auch dazu. Sie muss  als Ort, an dem  regelmäßig eine heilige Messe  gefeiert werden kann, aufgegeben werden“, bedauert Angrick weiter. Dass  gar schon Wittendörps Gemeindevertreter über die baurechtlichen wie auch politischen Aspekte dieser Idee diskutiert hätten, sei ihm neu und  wohl etwas unglücklich gelaufen.  „Mit der Voranfrage wollten wir lediglich wissen, ob eine anderweitige Nutzung überhaupt zugelassen würde. Hinterher hätten wir die Pogresser  detailliert informiert. Sie  haben nun ein halbes Jahr  Zeit, sich ein Konzept zu überlegen, wie sie ihre Kirche neu beleben.  Sie sind nun am Zug“, so Angrick, der dafür seine Hilfe anbietet.

Letzten  Sonntag fand in der Feldsteinkirche nach langer Zeit erstmals wieder eine Andacht statt. „Es kamen 51 Menschen. Das waren nicht nur Pogresser“, freut sich  Sabine Simann, deren Wiege einst im Ort stand. „Wir sind  über jede weitere Unterstützung dankbar. Wer Ideen hat, kann sich jederzeit bei uns, den Einwohnern, melden“, sagt sie.

Kommentar: Übers kreative Ziel hinaus geschossen
Ein Dorf wehrt sich fast geschlossen gegen die  Umnutzung des Gotteshauses.  Mit Erfolg. Denn der geistige Vater des Zankapfels, Stefan Baerens, merkt wohl, dass er vielleicht ein bisschen übers Ziel hinaus geschossen ist. Er ist wirklich ein sehr kreativer Kopf, der schon Etliches zum Wohle der  Region gedacht und umgesetzt hat. Vielleicht hat er in Pogreß das Pferd nur vom falschen Ende her aufgezäumt. Statt klammheimlich eine Bauvoranfrage zu stellen, wäre es wahrscheinlich klüger gewesen, erst im 161-Seelendorf vorstellig zu werden. Um die Pogresser  ins Boot zu holen. Eigentlich wollen ja alle das selbe: die Zukunft der Kirche sichern. Die Altvorderen  haben sie vor 66 Jahren im Schweiße des Angesichts  erbaut. Das verbindet. Nicht nur im Glauben, sondern auch im Kampf um die  Tradition. Dafür gebührt allen Protagonisten Respekt.  In einer Zeit, in  der  sich oft  weggeduckt wird.
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