Dammereez : „Palmyra“: Ein Film über Verlorenes

Der 15-jährige Mohamad lebte 2008 vom Souvenirhandel in der Ruinenstadt. Fotos: Zentralpark
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Der 15-jährige Mohamad lebte 2008 vom Souvenirhandel in der Ruinenstadt. Fotos: Zentralpark

Hans Puttnies aus Dammereez hat einen Essay über die antike Stadt Palmyra gedreht/MV-Premiere am Sonnabend im Kino Boizenburg

svz.de von
10. Februar 2017, 05:00 Uhr

Als Hans Puttnies 2008 die antike Stadt Palmyra in Syrien besuchte, um einen Dokumentarfilm über sie und ihre Verklärung durch die Europäer zu drehen, ahnte er nicht, dass er mit dem gefilmten Material einmal ein einzigartiges Zeitdokument in den Händen halten würde. Und das nicht nur, weil 2015 der IS die 2  000 Jahre alten, unwiederbringlichen steinernen Erinnerungen an Römer, Griechen und Perser in der Stadt zerstörten, die bereits im Alten Testament erwähnt wurde. Sondern vor allem wegen der Menschen, die Hans Puttnies während seines Aufenthaltes dort filmte.

Der Autor und Filmemacher, der lange Zeit Professor für Medienkultur an der Hochschule Darmstadt war und auch als Journalist für die Frankfurter Allgemeine Zeitung (FAZ) gearbeitet hat, begleitete damals seine Freundin Erika Kähler, die Witwe des bekannten Archäologen Heinz Kähler in die antike Stadt. Dadurch erhielt er Einblick und Zugang zu allem, was ihm wissenswert erschien.

Aber gleich am ersten Tag begegnete er auch dem Jungen Mohamad, einem 15-jährigen Souvenirhändler, erzählt Hans Puttnies im Gespräch mit der SVZ. Der bot ihm ein Leporello mit Postkarten an. Puttnies reizten sofort diese Menschen, die von dem durch Touristen massenhaft besuchten antiken Ort lebten, mehr als die steinernen Zeugnisse.

Hans Puttnies wollte Fotos von Mohamad machen und ihn dafür bezahlen. Doch der lehnte ab. Letzten Endes kaufte der Filmemacher dem syrischen Jugendlichen eine Grundausstattung an Halsketten, von denen man weitaus besser leben konnte als von Postkarten. Im Laufe der Zeit handelte Mohamad so geschickt damit, dass er sich später davon ein gebrauchtes Motorrad kaufen konnte - ein wahrer Schatz damals, erzählt Hans Puttnies schmunzelnd. Am Ende des Filmes ist ein Gespräch mit Mohamad zu sehen, in dem der Filmemacher ihn danach fragt, was die Ruinen für ihn bedeuten. „Sie leben in meinem Herzen“, antwortete der Jugendliche damals.

Hans Puttnies verlor dann den Kontakt zu Mohamad. Der junge Mann wurde später vom IS gefoltert, weil er seine Schwester beschützen wollte, und von Assad ins Gefängnis geworfen. 2016 gelang ihm die Flucht nach Dänemark, das im Gegensatz zu Deutschland nur 25  000 Flüchtlinge aufgenommen hat. Er versuchte Kontakt zu dem deutschen Filmemacher aufzunehmen, der ihn damals fotografierte, kannte ihn aber nur unter „Onkel Hans“. Aber als er „Hans“ und „Palmyra“ im Internet eingab, gelangte er auf die Website von Hans Puttnies’ Filmfirma „Zentralpark“ und konnte ihm schreiben. Heute unterstützt Hans Puttnies die noch in Syrien lebende Familie Mohamads, der fünf Schwestern hat.

Zwei Jahre hat der Filmemacher, der seit einigen Jahren im Gutshaus im Dammereezer Park lebt, an seinem Kino-Essay gearbeitet, aber nicht allein. Produziert wurde es von seiner Frau Sigrid Brügel-Puttnies. Daniel Kirschbaum, ein ehemaliger Student des Professors, komponierte die Musik dafür und realisierte Schnitt plus Sound.

Am 31. Januar war in Frankfurt am Main, wo Hans Puttnies 40 Jahre lang gelebt hat, Deutschland-Premiere des Film-Essays. Der Kinosaal war schon eine Woche zuvor restlos ausverkauft, der Film wurde ausführlich im Feuilleton der FAZ gewürdigt.

Mohamad durfte an der Premiere nicht teilnehmen, die Dänen erlaubten dem heute 23-Jährigen die Ausreise nicht.

Der 90-minütige Kino-Essay hat keinen Verleih, Hans Puttnies möchte mit ihm durch möglichst viele Programmkinos tingeln, wie er sagt. Er fände es toll, nach der Filmvorführung mit den Zuschauern ins Gespräch zu kommen.

So auch bei der Premiere in Mecklenburg-Vorpommern am kommenden Sonnabend, dem 11. Februar, im Boizenburger Kino. Filmbeginn ist um 20 Uhr. Danach wird der Film noch am Montag und Dienstag im Vorabendprogramm gezeigt. In den Programmkinos von Schwerin und Ludwigslust soll der Kino-Essay ebenfalls aufgeführt werden.

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