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Einmaliges Projekt in Wittenburg : Neue Impulse in Wittenburger Köpfe

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In von 15 Künstlern geleiteten sechstägigen Workshops in der Großen Potemkinschen Straße in Wittenburg haben sich erste Utopien und Visionen entwickelt. Im Oktober geht es weiter.

svz.de von
erstellt am 29.Aug.2012 | 09:55 Uhr

Wittenburg | "Die Workshopwoche vom 20. bis 25. August war ein voller Erfolg. Die Anteilnahme und Unterstützung war beeindruckend", resümiert Michael Kockot, einer der beiden Organisatoren dieses Projektes. Durch die ewige Geschäftigkeit der Designer, Stadtplaner, Musiker, Künstler und deren Helfern sei eine urbane Atmosphäre entstanden, die ansteckte und generationsübergreifend mobilisierte. Im Besonderen von Mittwoch bis Sonnabend seien Hunderte von Schaulustigen in der Großen Straße unterwegs gewesen. Die temporäre soziale Belebung sei auch durch die Unterstützung vieler tatkräftiger Wittenburger möglich geworden.

Das sieht Bürgermeister Norbert Hebinck genauso: "Ich war fast an allen Tagen dabei. Nach zögerlichem Beginn stellte sich bei vielen Wittenburgern eine wahre Begeisterung ein. Sie nahmen die vielen Angebote gern an. Es hat sie neugierig gemacht auf mehr und den Oktober, wenn die Planen vor die 14 Ruinen und Freiflächen gehängt werden sollen." Es seien Wege und Möglichkeiten aufgezeigt worden, was im Alltagsleben interessanter gestaltet werden könnte. "Unser Ziel bleibt es nach wie vor, dass das Marode in der Großen Straße verschwinden soll", bekräftigt das Wittenburger Stadtoberhaupt gegenüber der SVZ.

Michael Kockot ist jedenfalls zufrieden mit dem Erreichten und nennt einige Beispiele: "Das Schul-Haus wurde gereinigt und umgestaltet, dutzende Tafeln gehängt und eigens Möbel hergestellt. Lukas Pusch eröffnete es in der Großen Potemkinschen Straße. Vortragende von Nah und Fern brachten neue Impulse in die Wittenburger Köpfe. Kuno Karls aus Hagenow eröffnete mit seinem Erzähltisch die Vortragsreihe. Jeden Abend folgten Vorträge mit Lukas Pusch, Ton Matton und Wittenburgs Nachtwächter über Kunst in Novosibirsk, Stadtplanung und Kapitalismus sowie Hintergrundwissen über die ,Toten Augen’ der Großen Straße. Auch eine Wittenburger Schulklasse ließ sich von den zentralen Räumlichkeiten inspirieren und verlegte ihren Biologieunterricht in dieser außerschulischen Bildungsstätte."

Ausstellung neuartiger Wittenburger Ansichtskarten

Das Postkarten-Haus sei gereinigt und die von Einsturz gefährdeten Bereiche gesichert worden, ein Seminarraum eingerichtet. "Quer durch das Haus wurden Leinen gespannt. Während der Woche entstand durch die rege Teilnahme der Wittenburger eine vielfältige Ausstellung neuartiger Wittenburger Ansichtskarten. Schulklassen und Besucher des Hauses ließen sich von historischen Ansichtskarten inspirieren und gestalteten eigenständig Motiv-Vorschläge. Eine Jury wählte die zwei Favoriten als Grundlage für die neuartige Wittenburger Ansichtskarte."

Das 2. Wittenburger Industriellen-Frühstück im Stammtisch-Haus sei sehr gut besucht worden, berichtet Kockot weiter. Ansässige Unternehmer hätten sich über mögliche Investitionen zum Projektziel ausgetauscht. Identifikation mit der Wittenburger Innenstadt und Teilnahme am städtischen Leben durch Mitarbeiterwohnungen oder Firmenzweigstellen seien thematisiert worden.

"Das 1. Hauseigner-Frühstück wurde von vielen Eigentümern der problematisierten Immobilien der Großen Straße genutzt. Es entstand ein reger Austausch über Perspektiven und Visionen der jeweiligen Häuser. Dabei ergaben sich Gespräche unter Hausbesitzern, die zum Teil seit Jahren aus unterschiedlichsten Gründen nicht mehr miteinander gesprochen hatten. Die beiden Veranstaltungen wurden von Stadtplaner Prof. Ton Matton moderiert. Bürgermeister Norbert Hebinck war ebenfalls anwesend."

Das erste Drive-Through-Kino-Haus der Welt wurde am 21. August in der Großen Potemkinschen Straße eröffnet. Die Designer Alex Römer und Björn von Mattonoffice bauten zwei individuelle Tribünen, die auf dem Bürgersteig ihren Platz fanden. Auf der gegenüberliegenden Straßenseite wurde eine große Leinwand gespannt, auf die die Filme projiziert wurden. So konnte die Straße für den nächtlichen Autoverkehr weiterhin genutzt werden. Die Filme "Ein Tick anders" und "Schwarze Kater, Weiße Kater" wurden gezeigt, am Mittwoch gastierte zudem der MV-Filmvorführer Uwe Höppner vom Landesverband Filmkommunikation Güstrow mit "holiday by the sea". Viele Wittenburger nutzten diese einmalige Möglichkeit und kamen zahlreich mit eigenen Stühlen. Die Wittenburgerin Ingrid Hojer verteilte vor Ort hergestelltes Popcorn. Ein Teilbereich der Straßen-Baustelle der Großen Straße wurde während der Woche umgenutzt. Es wurde feiner Sand aufgeschüttet, zwecks Installation der Open-Air-Kita. Mit nächtlicher Beleuchtung von Lichtdesigner Andreas Ermisch und zahlreichen Spielzeugen entstand ein einzigartiger Kita-Strand mitten im Zentrum der Stadt. Zudem gab es ein von Jugendlichen genutztes Beachvolleyballfeld. Währenddessen gingen die Bauarbeiten ungehindert weiter.

Das Kultur-Haus (Tanzhaus) wurde sehr aufwendig unter der Maßgabe des Designers Henning Ohl und des Lichtdesigners Andreas Ermisch umgestaltet. Tagelang wurden sie von der Jugendsozialarbeiterin des IB Katleen Hellwig und Jugendlichen unterstützt.

Auf der Bühne vor der Tür wurde das Tanzbein geschwungen

Am Mittwoch wurde das Kultur-Haus mit der Unterrichtseinheit der Schweriner Tangogruppe um Toralf Klaf (ca. 10 Tanzpaare) eröffnet. Zahlreiche Gäste ließen sich dieses Ereignis nicht entgehen und besiedelten den ehemaligen Wittenburger Hof bis über die vorgelagerte Straße und Bürgersteige. Über zwei Ebenen und auf der Bühne vor der Tür wurde das Tanzbein geschwungen. Hunderte von Schaulustigen waren gekommen, der ein oder andere nutzte die Chance, seine Tangokenntnisse aufzufrischen und tanzte einfach mit. Am Freitag wurde ein volles Kulturprogramm im und vor dem Kultur-Haus geboten. Anschließend folgte eine Interpretation "Romeo und Julia". Das Theaterstück war so gut besucht, dass viele Schaulustige keinen Platz mehr im Haus fanden. Bevor im Anschluss die tanzwütigen Wittenburger sich selbst überlassen wurden, rockten alle Gäste mit der Berliner Musikerin Bernadette LaHengst das Haus.

Das Galerie-Haus wurde aufwendig entrümpelt und entkernt. Keine Innenwand versperrte mehr den Blick. Alle Fenster wurden entfernt. Ein Kunstwerk thronte auf einer weißen Säule im großen Saal unterhalb der beeindruckenden morschen Dachkonstruktion. Der Wiener Künstler Lukas Pusch eröffnete am Donnerstagabend das Galerie-Haus in dieser Ruine der Großen Straße. Mit Rede und Sekt wurde die erste Ausstellung von Lukas Pusch eröffnet. Er präsentierte seinen "Großen Berg zu Wittenburg" als Modell.

Von den Designern Alex Römer und Björn von Mattonoffice wurden in den Lücken der Häuser kleine Gehege erbaut. Hühner, Esel und Schafe aus der Region bezogen die Hauslücken in der Großen Potemkinschen Straße. Wie es sich in einer ehemaligen Ackerbürgerstadt gehört, wurde das Vieh zuvor durch die Straße getrieben.

Ein Meckerbüro wurde mit klassischen DDR-Behördenmöbeln und einem professionellen Tonstudio eingerichtet. Bernadette la Hengst bezog während der ganzen Woche dieses Büro. Sie nahm jegliches Meckern der Wittenburger entgegen, komponierte daraus ein 14-strophiges Lied und gründete den Beschwerdechor, jeden Tag wurde geübt. Die Uraufführung sangen 30 Wittenburger vor dem Tanzhaus. Die Gelegenheit mal so richtig zu meckern, nutzten etliche Einheimische.

Hunderte Pizzakartons wurden von Mitarbeitern der örtlichen Stadtverwaltung gefaltet und mit Pappe gefüllt. Sie dienten den Designern Alex Römer und Björn von Mattonoffice zur Gestaltung der Openair-Pizzeria. Am Sonnabend eröffnete Wittenburgs Oetker-Werksleiter Wolfgang Teege die einmalige Tiefkühlpizzeria in der Großen Potemkinschen Straße. Es wurden hunderte von Pizzen gebacken und verschenkt.

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