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Hagenower Kreisblatt

19. November 2017 | 02:30 Uhr

Hagenow : Nase zu... und abtauchen

vom
Aus der Redaktion des Hagenower Kreisblatt

Ein Blick in Hagenows Abgründe: Die Unterwelt offenbart so manche Überraschung... und Schäden durch Baupfusch in den 1990ern

von
erstellt am 08.Mär.2017 | 05:00 Uhr

Bei manch einem gluckert es in der Toilette. So groß ist der Druck. Klaus-Dieter Köhler lacht, als er davon erzählt. Doch es nütze nichts, sagt der Kanalreiniger, rückt seine Fellmütze zurecht, stülpt sich Gummihandschuhe über und lässt den Spülschlauch ins Gully gleiten. Es riecht faulig. „Da muss man sich dran gewöhnen“, sagt Klaus-Dieter. Er hat früher im Kuhstall gearbeitet, „das gehe schon“, schwächt er ab. Er mag seinen Job an der mehr oder weniger frischen Luft.

In vielen Städten Deutschlands  ist er unterwegs, um die Kanäle zu reinigen. Danach taucht die Kamera ab, um Schäden an den Rohren aufzuspüren. So auch in Hagenow. Am Apothekerkamp, am Tulpenweg, Am Waldrand... Ein Eigenheimgebiet aus den 1990er Jahren.

Fünf Kilometer pro Jahr schaffen die Stadtwerke, die die Arbeiten im Auftrag des Abwasserzweckverbandes Hagenow und Umlandgemeinden ausschreiben und organisieren. Der Verband muss seine Kanäle und Leitungen regelmäßig überprüfen, um Schäden rechtzeitig zu erkennen und zu beseitigen. Das soll verhindern, dass ungereinigtes Abwasser durch Risse oder Löcher ins Erdreich und Grundwasser gelangen. Bis zu 30000 Euro kostet so eine Inspektion.

Brühe schießt durch die Duschwanne

Kamera rauf, Kamera runter: Lars Fröbels Job am Gully.
Kamera rauf, Kamera runter: Lars Fröbels Job am Gully. Foto: nien

Das gesamte Kanalnetz im Hagenower Stadtgebiet umfasst 89 Kilometer.  Dabei „gehen wir systematisch vor“, erklärt Abwassermeister Herbert Adolf. Stadtteilweise, zunächst die älteren Kanäle, und Abschnitte, wo Bauarbeiten anstehen. So inspiziert der Kamerawagen derzeit auch den Lindenplatz, der bald saniert werden  soll.

 Aber „vorher müssen wir erstmal ran“, sagt Kanalreiniger Klaus-Dieter. Die Düse ist schon abgetaucht. Mit einem Druck von 70 Bar schießt das Wasser durchs Rohr. „Damit es schön sauber wird.“ Seit 26 Jahren ist der Grünhagener im Geschäft. So manches Mal erlebt er dabei auch ausfällige Anwohner. Zwar könne er den Druck etwas regulieren. Doch selbst bei 40 Bar könne die Brühe aus der Leitung ins Haus schießen, wenn zum Beispiel keine Dachentlüftung nach Vorschrift vorliegt. So sieht der 57-Jährige  schon Mal, wie Schmutzwasser aus der Duschwanne strömt und sich Anwohner darüber ärgern.

Abwassermeister  Herbert Adolf  kennt solche Vorfälle. Weniger in den Städten. Vor allem auf den Dörfern hätte man nicht immer auf vorgeschriebene Einbauten geachtet. Auch deshalb informieren die Stadtwerke immer rechtzeitig über anstehende Arbeiten. So könnten Hausbesitzer vorsorgen und etwa den Deckel vom Übergabeschacht zum öffentlichen Netz hochnehmen, um Druck rauszunehmen, erklärt der Fachmann. Am Ende sind viele dann aber doch überrascht, wenn es blubbt, rauscht, riecht oder Wasser rausströmt. Dann greifen sie zum Telefon und landen bei Herbert Adolf.

Gespannt am Bildschirm: Kanalinspekteur Wolfgang Fähling
Gespannt am Bildschirm: Kanalinspekteur Wolfgang Fähling Foto: nien
 

Erste Risse im Kanal nach zwei Jahrzehnten

In Hagenow bleibt es beim Gluckern in einigen Toiletten. Kanalreiniger Klaus-Dieter stellt den Hebel um, ein dicker Plastikschlauch rollt von der großen Spule des Spülwagens hinab ins  Gully. „Bis zu 300 Meter kann ich versenken“, erklärt er und schaut dabei ständig hinab. Kaum etwas zu sehen von der dreckigen Brühe. Das Fahrzeug saugt sie in den acht Kubikmeter großen Tank. Der Inhalt landet später in der  Kläranlage.

 Was jetzt zum Vorschein kommt, lässt Kanalinspekteur Wolfgang Fähling aus Neu Kaliß so manches Mal staunen. Unauffällig sitzt er in seinem Transporter, schaut auf  drei Bildschirme. Die moderne Digitalkamera taucht durch den Kanal Am Waldrand. „Hier sind kleine Risse mit Verkrustung“, sagt er plötzlich und zeigt auf braune Stellen am Betonrohr. „Ehrlich? Das ist nicht gut“, sagt Abwassermeister Adolf. Er rechne aber immer mit Schäden. In den 1990er Jahren sei sehr viel und sehr schnell gebaut worden. „Da wurden auch Fehler gemacht.“ So können selbst in so einem  recht neuen Wohngebiet kleinere Schäden  vorkommen.

Ein Delfin-Briefbeschwerer, eine Schere, eine Brechstange – größere Überraschungen bleiben dieses Mal aus.  Stattdessen holt Kanalinspekteur  Wolfgang Fähling einen Ordner mit Fotos raus, die kuriose Dinge und Tiere im Kanal anderer Städte zeigen. „Wenn Bauarbeiter mal was vergessen...“, sagt er  und zeigt auf die Brechstange. Auch Tiere wie Dachse und vor allem Ratten begegnen ihm öfter auf dem Bildschirm.

Kurze Lagebesprechung zum nächsten Projekt. Stichwort Lindenplatz: „Da musst du bisschen pulen“, sagt Herbert Adolf zum Kanalinspekteur. Die Leitungen dort sind alt, bald steht die Sanierung an. „Dazu muss ich wissen, was da alles liegt.“ Wolfgang Fähling nickt ab.

Ein Jahr braucht Herbert Adolf dann, um die Bilder  auszuwerten. Es folgen Ausschreibung und Reparatur. Dazu muss aber niemand  mehr hinab in den Kanal steigen. Stattdessen rücken  Roboter an, die Schellen an die undichten Stellen setzen.

 

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