zur Navigation springen
Hagenower Kreisblatt

23. Oktober 2017 | 08:29 Uhr

Hagenow : Muhammed will lernen

vom
Aus der Redaktion des Hagenower Kreisblatt

62 ausländische Kinder lernen derzeit in Hagenow / Schulen stellen sich auf Flüchtlingswelle ein / Bildungsministerium sucht 123 Lehrer

von
erstellt am 14.Okt.2015 | 08:00 Uhr

Muhammed lacht,  schaut aber schnell wieder nach unten auf sein Blatt Papier und schreibt. „Die Schultasche ist grün“, diktiert Judit Csanadi. Seit August unterrichtet die 27 Jahre alte gebürtige Ungarin  den Jungen aus dem Kosovo und weitere 16 ausländische Kinder an der Stadtschule am Mühlenteich in Hagenow. Einige sind erst kurz in Deutschland, andere seit Anfang des Jahres. 62 sind es zur Zeit an allen drei Schulen der Stadt. Und die richten sich auf weitere Flüchtlingskinder in den kommenden Monaten ein.

„Die Welle kommt“, sagt Hilka Ewert von der Stadtschule. „Und wir müssen uns darauf einstellen.“ Solange es geht, will sie die Kinder aufnehmen. Noch sind Kapazitäten da. Die Klassenstärke könnte von derzeit 22, 23 Schülern auf 25 steigen. Mehr wäre aber nicht möglich. Und die Klassen teilen? Dafür bräuchte man weitere Räume und Personal.

Das Bildungsministerium des Landes sucht derzeit Lehrer, die in den Willkommensklassen intensiv Deutsch als Zweitsprache (DaZ) unterrichten. Zehn Stunden sollen es in der Grundschule, 20 in der Sekundarstufe sein. Parallel zum regulären Unterricht. Neben aktuell 23 Stellen sollen hundert weitere ausgeschrieben werden, sagt Pressesprecher Henning Lipski. Die ersten in den kommenden Tagen, die nächsten sukzessive. Zudem sind Lehrer im Ruhestand aufgerufen, zu unterstützen. Rückmeldungen gibt es noch wenige. DaZ „ist ein Orchideenfach, das plötzlich wichtig wird“, sagt Lipski. Grundsätzlich seien aber alle ausgebildeten Lehrer geeignet, die gewillt sind, sich weiterzubilden.

>> Alles rund um die aktuelle Flüchtlingsdebatte lesen Sie in unserem Dossier.

Auf so eine Kraft wartet die Hagenower Heincke-Schule  „ganz dringend“, sagt Kirsten Schmidt. Der Andrang ist so groß, dass sie eine zweite DaZ-Klasse aufmachen müssen. 20 Kinder, viele aus Syrien, sind zur Zeit in einer Klasse. 16 dürfen es maximal sein. Eine weitere „riesengroße Herausforderung“: die stetigen Neuankömmlinge, die noch kein Deutsch können und zusammen mit den Fortgeschrittenen lernen sollen. Das funktioniere nur, weil die Schulsozialarbeiterin unterstützt.

In der Europaschule läuft seit Montag wieder alles in geregelten Bahnen. Die neue DaZ-Lehrerin unterrichtet  in der Grundschule, ihr Kollege schon länger in der Sekundarstufe. Einige Wochen hat die Suche nach der Fachkraft gedauert.  „Jetzt werden wir einen individuellen Fahrplan für die kommenden Monate stricken“, sagt Schulleiterin Sabine Janitz.

Um eine neue Sprache effektiv lernen zu können, gibt es an der Stadtschule kleine Gruppen statt eine große Klasse. Muhammeds Lehrerin Judit Csanadi will so „alle Kinder besser fördern“. Muhammed sitzt mit Sarah alleine im Religionsraum. Heute geht es um Farben. Die Schultasche ist grün, schreibt Muhammed und malt eine grüne Tasche daneben. Judit Csanadi hilft ihm etwas. „Zuhause schreibst du die Sätze nochmal“, sagt sie zu dem acht Jahre alten Jungen, der sogleich nickt. Zur Belohnung darf er sich vor der Pause einen Aufkleber für sein Lobbuch aussuchen.

Acht offizielle Stunden Unterricht pro Woche, acht weitere ehrenamtlich – nur so funktioniert das Konzept mit den kleinen Gruppen. Aber es lohnt sich. „Viele sind sehr diszipliniert“, sagt die Lehrerin, die gerade für die Anerkennung ihres ungarischen Diploms in Deutschland arbeitet. Vor allem die Kinder aus muslimischen Familien. Bei Kindern aus Europa gebe es mitunter Probleme. Das bestätigt auch Hilka Ewert. Schüler aus Syrien oder Afghanistan „sind sehr dankbar. Sie wollen lernen.“ Für alle aber sei es wichtig, aufgefangen und angenommen zu werden. Auch für die Eltern. „Es geht nicht nur um Unterricht, sondern um Integration in die Gesellschaft“, sagt die Schulleiterin der Stadtschule. „Wenn sie es denn wollen.“

Muhammed will lernen, sitzt gerade und ruhig am Tisch. Seit März lebt er mit seiner Familie in Hagenow. Mit einem schweren Schicksal im Gepäck. Er erschrickt immer noch, wenn es irgendwo klopft, weiß Hilka Ewert. „Der Junge ist traumatisiert“ und wird vom Kinderpsychologen der Caritas betreut. Seine Familie ist nach all den Monaten immer noch nicht angekommen und lebt in ständiger Angst, abgeschoben zu werden. Doch  Muhammed  bringt die Kraft auf, lernt jeden Tag und lächelt dabei.

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen