Neuhof : Müllhaufen ziehen sie magisch an

Renate Hille fröhnt einer großen Leidenschaft, nämlich den Dingen um sich herum ein neues Aussehen zu geben. Die 75-Jährige ist wie eine Kerze, die an beiden Seiten brennt.
Renate Hille fröhnt einer großen Leidenschaft, nämlich den Dingen um sich herum ein neues Aussehen zu geben. Die 75-Jährige ist wie eine Kerze, die an beiden Seiten brennt.

Renate Hille (75) aus Neuhof war schon immer idealistische Lebenskünstlerin mit ungewöhnlichen Ansichten/Jetzt plant sie 29. Umzug

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07. November 2015, 17:45 Uhr

Neuhof Anderer Leute Müll ist ihre Kunst. Weggeworfenem zu neuem Leben zu verhelfen, hat für Renate Hille schon etwas Zwanghaftes. Schon als Kind sei sie damit aus dem Raster gefallen, gesteht die gebürtige Kolbergerin  heute schmunzelnd. Und wirklich nichts bleibt von dieser kreativen Frau  verschont: Regale, Schränke, Tische, Kommoden, Wände, alles vom Sperrmüll oder gebraucht, erhält mit pfiffigen Ideen und ganz viel bunter Farbe nicht nur einen  Anstrich, sondern oft auch einen  neuen Gebrauchswert. Stellt nicht selten damit auch Lebensansichten der Betrachter auf den Kopf oder in Frage. Vor elf Jahren verschlug  es sie nach Neuhof, jetzt sitzt sie wieder auf gepackten Koffern. Die darauf warten, nach Wischhafen bei Buxtehude  neben den Alltagsdingen auch ein bisschen mecklenburgische Luft zu transportieren. Es sei mittlerweile ihr 29. Umzug, verrät die Künstlerin, die bei diesem Wort immer ein Gesicht zieht, als hätte sie gerade in eine Zitrone gebissen. „Die Bezeichnung mag ich nicht, Lebenskünstlerin trifft es eher“, sagt Renate Hille, die heute noch darüber glücklich ist, dass sie ihre Kriegskindheit mit Erfindergeist und Lebensmut überlebt habe.

SVZ-Redakteur Thorsten Meier beantwortete die 75-Jährige in ihrem fast schon leergeräumten Haus, dass sich ihre Katzen längst als barrierefreien Tummelplatz erobert haben, die beliebten Fragen zum Wochenende. Während im Kachelofen das Holz prasselnde Wärme spendet.

Wie lautet Ihr Lebensmotto?
Jeder Tag, egal, was er bringt,  ist geliebtes Leben.

Wo ist Ihr Lieblingsplatz?
Immer gerade dort, wo nette Menschen sind. Ich brauche soziale Kontakte, wie Fische das Wasser.

Womit haben Sie Ihr erstes Geld verdient?
Im Krieg, da war ich gerade  mal fünf Jahre alt, habe ich Kaninchenfelle geklaut, sie gegerbt und dann an die Soldaten verscherbelt. (grinst)

Und wofür haben Sie es ausgegeben?
Ich habe mir Essen gekauft, weil ich niemanden hatte, der sich um mich kümmerte. Meinen Vater habe ich nie kennengelernt, wer meine Mutter ist, weiß ich leider auch nicht.

Wo findet man Sie am ehesten?
Zu Hause bei meiner Kunst, die  mich aber oft  auch isoliert.

Was stört Sie an anderen?
Ständiges Gejammer. Oft auf hohem Niveau praktiziert und immer  bei anderen die Lösung suchen, statt selber aktiv zu werden.

Wer ist Ihr persönlicher Held?
Mein Mann Klaus Steinke. Er ist mein vierter Ehemann und der erste, den ich mir selbst ausgesucht habe. Er war 30 Jahre lang mit einer Trinkerin verheiratet. Um seine fünf Kinder zu schützen, hat er ausgeharrt. Er wollte erst gehen, wenn das letzte Kind erwachsen ist. Doch seine Ex-Frau ist dann früher gestorben. Klaus hat sehr viele menschliche Qualitäten.

Was würden Sie gern noch können?
Ich bin zufrieden mit dem was ich kann.

Was bedeutet Ihnen persönliches Glück?
L
ebensfreude ist für mich Glück. Die kann man lernen über Demut und Dankbarkeit.

Wen würden Sie gern einmal treffen?
Ich habe durch meine Kunst schon so viele Menschen getroffen. Selbst mit Hillary Clinton habe ich bereits gefrühstückt. Aber ich habe mir immer schon mal gewünscht, Sie  zu treffen, weil ich denke, dass der SVZ-Redakteur und Mensch Thorsten Meier ein sehr interessanter Gesprächspartner  ist. Und, es hat sich wirklich gelohnt.

Was findet man immer in Ihrem Kühlschrank?
Vollkornbrot und Avocados. Nur Gesundes also.

Wenn Sie kochen oder essen gehen, welche Küche bevorzugen Sie?
Ich kann nicht besonders gut kochen und esse alles, was man mir vorsetzt.

Welches Buch lesen Sie gerade?
Etwas über Epigene, also Genforschung.

Worauf könnten Sie niemals verzichten?
Ich kann auf alles verzichten. Loslassen können, bedeutet geistige Freiheit.

Welchen Traum wollen Sie sich noch erfüllen?
Ich habe alle meine Träume bisher verwirklicht.

Können Sie sich mit nur einem Wort beschreiben?
Verantwortungsfreudig.

Wo ist für Sie Heimat?
Dort, wo mein Mann  ist und wir unseren soziale Kontakte haben.

Wenn Sie drei Wünsche frei hätten?
1. Weltweite Menschenrechte, denn jeder ist Teil des Ganzen. 2. Vor jedem drohenden Krieg sollte die Bevölkerung beider Seiten abstimmen dürfen. Dann gäbe es nämlich keine mehr. 3. Noch  viel ausprobieren dürfen, um die Lektionen des lebens zu lernen.

Verraten Sie uns, was kaum jemand über Sie weiß?
Ich wäre gern mal eine Woche unsichtbar, um Streiche zu machen. Ach, ich liebe Blödsinn... (lacht)

Wem sollen wir diese Fragen ebenfalls  stellen?
Ines Barkholz, sie betreibt die Elfenschule in Neuenkirchen.

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