Ruine in Wittenburg soll ein buntes Strickkleid erhalten : Mit buntem Garn gegen Einheitsgrau

Sie engagieren sich für eine verrückte Idee: Das sind einige der Strickerinnen, die sich bereit erklärt haben, an der Aktion teilzunehmen. Bis zum 20. Oktober müssen sie rund 60 Quadratmeter Wolle verarbeitet haben. Thorsten Meier
Sie engagieren sich für eine verrückte Idee: Das sind einige der Strickerinnen, die sich bereit erklärt haben, an der Aktion teilzunehmen. Bis zum 20. Oktober müssen sie rund 60 Quadratmeter Wolle verarbeitet haben. Thorsten Meier

Es ist schon eine verrückte Idee, aber vielleicht gerade deshalb stößt sie bei den Einheimischen auf so ein großes Interesse. Ein Haus soll eingestrickt werden, zumindestens die Fassade. Das ist eine gewaltige Fläche.

von
19. September 2012, 10:58 Uhr

Wittenburg | Zugegeben, es ist schon eine ziemlich verrückte Idee, aber vielleicht gerade deshalb stößt sie bei den Einheimischen auf so ein großes Interesse. Ein Haus soll eingestrickt werden, zumindestens die Fassade. Das sind gewaltige 56 bis 60 Quadratmeter Fläche, die mit den Stricknadeln bewältigt werden will. Etwa 25 bis 30 Frauen haben sich bereit erklärt, angesichts der kurzen Zeit, das fast Unmögliche möglich zu machen. Denn schon bis zum 20. Oktober soll das Haus Nummer 43 in der Großen Straße bestrickt werden.

Sophie Wagner, ihres Zeichens Architekturstudentin, erklärte den Strickwilligen am Montag Abend im Rathaus Anliegen und Vorgehensweise der Aktion. "Die menschliche Energie, die in der Projektwoche im August zusammen gekommen ist, soll nicht abebben, sondern in die Große Straße transportiert werden", sagte die junge Frau, die das Projekt "Große Potemkinsche Straße" koordinatorisch unterstützt.

Während dieser Aktionswoche (SVZ berichtete mehrfach) hat sich unter anderem auch eine Strickgruppe zusammengefunden, deren Leitung Sybill Moß übernommen hat. "Wir wollen die Fassade so bunt wie möglich machen", betonte sie auf der Info-Veranstaltung. Jede der Frauen bekomme deshalb drei bis vier Wollfarben zur Verfügung gestellt. Doch auch heimische Wollreste ließen sich prima für diese Form der Street-Art verwenden, legte sie den Protagonisten nahe. So sollten auch etwa zehn Zentimeter breite, weiße Fensterrahmen gestrickt werden.

Subversives Gedankengut oder einfach eine schöne, bunte Stadt?

Um das gesamte Woll-Ausmaß zu realisieren, werden die Damen sich sputen müssen. Vorgesehen ist, dass sie Stücke von jeweils 50 mal 50 Zentimetern Kantenlänge schaffen, die wegen der Stabilität auf Unterputz-Netze geheftet und schließlich miteinander vernäht werden sollen. Sie folgen damit einem Trend, der besonders in Großstädten um sich greift. Die Stadt (be)stricken: Urban Knitting, auch Knit Graffiti, Guerilla Knitting oder Strick-Graffiti genannt, ist eine verspielte, zahme Form des Graffiti. Es sind, dem Klischee der Materie entsprechend, zumeist Frauen, die Urban Knitting betreiben - also Dinge und Plätze in der Öffentlichkeit mit Gestricktem einkleiden. Das können Parkschilder sein, Laternenpfähle, Straßenpoller, Telefonzellen, Treppengeländer oder Bäume. Alles ist denkbar. Knit Graffiti ist vergänglich, und es beschädigt nicht, kann leicht wieder entfernt werden. Deshalb halten Urban Knitters ihre Werke in Fotografien fest, via Internet zugänglich für viele.

Insbesondere die Bezeichnung Guerilla Knitting für das Bestricken der Stadt deutet eine politische Intention an. Der Name ist angelehnt an das Guerilla Gardening, bei dem heimlich des Nachts öffentliche Plätze, etwa Verkehrsinseln, bepflanzt werden. Durchaus mit einer Absicht, die über die bloße Freude an der blühenden Pracht hinausgeht. Ebenso beim Urban Knitting. Es geht den Aktivistinnen darum, öffentliche Plätze zurückzuerobern, Politik von unten zu betreiben.

Eine, die an diesem Abend ganz Ohr ist, heißt Gisela Bartels. Die 57-Jährige lebt seit 1979 in Wittenburg. "Mir liegt unsere Stadt sehr am Herzen. Ich wohne gerne hier und möchte deshalb mit dazu beitragen, dass Wittenburg noch wohnlicher wird und diese Ruinen endlich verschwinden. In ihrer Tasche hat die Wahl-Wittenburgerin eine Liste mit zehn Namen. "Das sind alles Frauen, die sich auch bereit erklärt haben mitzumachen, nur leider heute Abend nicht dabei sein können."

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen