Hagenow : „Mein Vater war ein Stasi-Opfer“

Doreen Frey (l.) und ihre Schwiegermutter wollen über einige Erlebnisse aus den 80er- Jahren, die in Schwerin stattgefunden hatten, endlich Klarheit erlangen.
Doreen Frey (l.) und ihre Schwiegermutter wollen über einige Erlebnisse aus den 80er- Jahren, die in Schwerin stattgefunden hatten, endlich Klarheit erlangen.

Beratung zur Einsicht der Stasi-Akten im Rathaus / Doreen Frey erzählt über das Schicksal aus der DDR-Vergangenheit

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20. August 2015, 08:00 Uhr

Während manche Menschen immer wieder einmal einen Schlussstrich bei der Stasi-Aufarbeitung fordern, wächst bei vielen Menschen das Interesse daran, was der DDR-Geheimdienst über sie sammelte und welchen Einfluss er auf ihr Leben nahm.

Einer dieser Menschen ist Doreen Frey. Die gebürtige Schwerinerin lebt zwar inzwischen bei München. Doch gerade auf Familienbesuch in der alten Heimat, nutzte sie am Dienstag die Gelegenheit zum Beratungsgespräch im Hagenower Rathaus. Dorthin hatte die Schweriner Außenstelle des Bundesbeauftragten für die Stasi-Unterlagen eingeladen, um Interessierten zu helfen, Akteneinsicht zu bekommen. Und viele Menschen nutzten das Angebot: Die Sitzplätze waren komplett belegt, Neugierige stellten sich geduldig in die Schlange. Die meisten kamen aus der näheren Umgebung, Doreen Frey legte ihren Urlaub so, dass sie den Termin in Hagenow wahrnehmen konnte. Sie will für sich ein wichtiges Stück Familiengeschichte aufklären, das für sie bisher im Dunkeln liegt. Die 38-Jährige erinnert sich an einen Vorfall aus ihrer Kindheit: Ihr Vater sei damals bewusstlos in der Schweriner Innenstadt aufgefunden worden, nachdem er zwei Tage verschwunden gewesen wäre. Wurde er etwa von der Stasi betäubt? Und wie kommt die Tochter auf einen so abenteuerlichen Verdacht?

Der kommt nicht von ungefähr. So arbeitete der Vater einst in der Justizvollzugsanstalt Hagenow. Nach der Wende, so erinnert sich die Tochter, habe die Ungewissheit die Familie geradezu zerrissen. „Ich habe zwar einige Vermutungen, wer uns aus dem privaten Umfeld für die Stasi ausspioniert haben könnte. Doch ich kann es noch nicht beweisen. Ich will Klarheit.“


Viele plagte wohl das schlechte Gewissen


Einige der Spitzel habe dann doch wohl das schlechte Gewissen geplagt, meint sie weiter. „Irgendetwas muss jedenfalls mit meinem Vater vorgefallen sein, doch niemand redete damals darüber.“

Vor zweieinhalb Jahren zog die Mutter von drei Kindern aus beruflichen Gründen mit ihrem Mann nach Bayern. Die Vorfälle aus der DDR-Zeit ließen sie aber nie ganz los. Nun möchte sie endlich Gewissheit erlangen. Um Ruhe zu finden. Deshalb will sie Einsicht in die Akten über ihren inzwischen verstorbenen Vater. „Er war ein sehr gerechter Mann und trug sein Herz auf dem rechten Fleck. Er überlegte sich immer dreimal, was er sagte.“ Die Stasi habe wohl öfter versucht, ihn zu Aussagen zu provozieren. Ob das an seinem Beruf oder an der Flucht seines Bruders gelegen habe, der bereits Ende der Fünfziger-Jahre in den Westen geflüchtet sei, könne sie aber nicht sagen.

„Seitdem hatte es unsere Familie schwer. Mein Vater durfte auch nicht studieren. Also wurde er zunächst Schließer im Gefängnis in der Augustenstraße. Er war nie Mitglied der SED, ging trotzdem seinen Weg, bekam sogar leitende Posten übertragen. Nach der Wende schaffte er es gar bis zum Leiter der JVA Bützow.“

Damals in Schwerin, so die Erinnerung von Doreen Frey, sei der Vater mit einer Aktentasche, die er mit Handschellen am Arm befestigt habe, verschwunden. In der Tasche selbst sollen sich einige geheime Unterlagen befunden haben. „Zwei Tage blieb er verschollen. Dann fand man ihn bewusstlos in der Innenstadt auf“, berichtet die Tochter.


Vater hat sich nie zur Geschichte geäußert


„Mein Vater hat sich nie zu dieser Geschichte geäußert. Keiner erfuhr jemals, was wirklich mit ihm passiert war. Ich vermute aber, dass er ein Opfer der Stasi wurde“, erklärt sie sich den Vorfall. Weder Tasche noch Inhalt tauchte je wieder auf. „Der Verlust hatte für meinen Vater disziplinarische Folgen“, sagt die Tochter. Sie hoffe, dass die Akteneinsicht die vielen noch offenen Fragen klären könne. Ihr Vater selbst habe vor seinem Tod in die Stasiunterlagen eingesehen, doch wieder kaum etwas erzählt. Nur, dass es wohl fünf Aktenordner gewesen seien. Und dass er sehr enttäuscht sei. Denn viele Kollegen, mit denen er auch privat befreundet gewesen sei, hätten ihn ausspioniert. Unter ihnen auch einige, von denen er es nie gedacht hätte.

Doreen Frey hat nun am Dienstag die notwendigen Anträge auf Akteneinsicht gestellt. „Das kann allerdings bis zu zwei Jahren dauern, wurde mir gesagt.“

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