Menschen aus aller Welt packen in der Backstube mit an : Lübtheener Bäckerei mit internationaler Stärke

Miriam (25) aus Belgien hilft fleißig beim Backen Quelle:ZVS
Miriam (25) aus Belgien hilft fleißig beim Backen Quelle:ZVS

Gegen Kost und Logis helfen junge Menschen dem Bäcker Marko Kock bei der Arbeit. Sie kommen aus aller Welt. Vermittelt werden sie von dem weltweiten Internet-Netzwerk HelpX.

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15. Oktober 2011, 10:37 Uhr

Lübtheen | Roisin aus Irland wollte sechs Wochen bleiben. Am Ende waren es zehn. Daniel aus Manchester wohnte und arbeitete 13 Wochen in Lübtheen Und auch Livia aus Toronto wäre gern viel länger geblieben. "Ich war schon bei vielen Familien in Europa", schreibt sie zum Abschied in das Familienalbum der Kocks. "Aber nirgendwo hat mich die Arbeit und das Familienleben so beeindruckt wie hier bei euch."

Janine Kock blättert in dem grünen Stehordner. Er ist voll mit Bewerbungen von jungen Menschen aus der ganzen Welt. Sie bitten um Kost und Logis und bieten im Gegenzug Hilfe bei der Arbeit in der Bäckerei. Vermittelt werden sie von dem weltweiten Internet-Netzwerk HelpX. Marko Kock hat davon durch einen Freund erfahren, der seit Jahren über HelpX Menschen findet, die auf seinem Bauernhof mit anpacken. "Wir wollten das einfach mal ausprobieren", sagt der 42-Jährige Bäcker aus Lübtheen. "Hilfe kann man immer gebrauchen."

Seit März wohnen und arbeiten Menschen aus allen Himmelsrichtungen bei ihm in Lübtheen. Pedro aus Chile, Wenting Yang aus Taiwan, Katy aus den USA, Rachel aus Australien, Daniel aus England. "Wer zu uns kommt, ist motiviert und interessiert", sagt Marko Kock. 17 Lehrlinge hat der Bäckermeister in seiner Backstube ausgebildet. "Von Jahr zu Jahr ist ihre Arbeitseinstellung schlechter geworden", sagt er. "Die Motivation ging gegen Null." Inzwischen hat Kock die Lehrlingsausbildung eingestellt. "Das hat einfach keinen Spaß mehr gemacht."

Seit diesem Frühjahr ist das anders. "Die jungen Leute von HelpX gehen engagiert an die Sache", sagt der Bäcker. "Wozu Lehrlinge früher manchmal Monate brauchten, das lernen sie in wenigen Stunden." Dass Kock jedem neuen Gast die Arbeitsschritte wieder von vorn erklären muss, stört ihn nicht. "Jeder Helfer ist anders. Hat andere Erfahrungen und Qualifikationen. Es gab sogar Gäste, von denen kann ich lernen, weil sie früher im Hotel- und Gaststättengewerbe gearbeitet haben." Livia aus Toronto zum Beispiel. Die studierte Hotelfachfrau stand dem Bäcker zur Seite, als er das Catering an sechs Theaterabenden in Dannenberg ausrichten musste. "Livia hatte so viele gute Ideen. Wir haben alles an einem Abend ausprobiert. Und danach hat sie die Veranstaltung so gut wie allein gemeistert, weil ich zeitgleich woanders arbeiten musste." Livia ist längst abgereist, sie wohnt in Frankfurt und hilft dort im Haushalt einer Freundin, bis sie Ende des Jahres nach Taiwan reist.

Dafür leben jetzt Sebastien, Miriam und Kasper in der Wohnung über der Backstube von Marko Kock. Sebastian hat heute seinen letzten Tag. Er wird bald nach Australien fliegen, vielleicht auf einer Farm arbeiten oder bei der Ernte helfen. "Wer so lebt wie wir, muss verrückt, mutig und spontan sein", sagt der 31-Jährige Franzose. Vor drei Jahren hat er die Entscheidung getroffen, auszubrechen aus seiner festen Lebensstruktur. Er kündigte seine Anstellung als Ingenieur bei einem renommierten Autokonzern und reist seitdem durch die Welt. Portugal, Kanarische Inseln, Marokko, Guatemala und jetzt Lübtheen in Deutschland. "Ich denke nicht mehr an die Zukunft, an den Status, an die Karriere ", sagt er. "Ich habe jetzt mehr Zeit, mehr Spaß, weniger Geld, und es geht mir so gut damit." Sebastien steht in Kocks Küche und kocht Couscous auf tunesische Art. Abschiedsessen für die ganze Familie. Lübtheen wird er in guter Erinnerung behalten. "Die Menschen, die wir getroffen haben, sind ehrlich interessiert und weltoffen." Die Lübtheener Ringer hätten ihn sogar zum Probetraining eingeladen "So mancher HelpX-Helfer hat in Lübtheen sein Herz fürs Ringen entdeckt", erzählt Janine Kock. Auch die Lehrer ihrer Kinder fragen immer wieder nach: "Wer wohnt denn diesmal bei Euch? Können wir ihn mal zu uns in den Unterricht einladen?"

Kocks denken gern an jeden ihrer Gäste. "Wir haben viel über andere Kulturen gelernt", sagt Marko Kock. "Mein Englisch wird immer besser." Er ist sich sicher: "Wenn wir später mal Zeit haben und die Welt bereisen, werden wir offene Türen finden". Die ersten Einladungen sind schon eingetroffen.

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