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Landesauftakt "Brot für die Welt" in Zarrentin : Landraub - Der Skandal mitten unter uns

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Landraub. Mitten unter uns. Das spüren die Zuschauer von "Wir haben die Erde gekränkt" in der Zarrentiner Kirche. Ute Meister hat das Werk zum landesweiten Auftakt der Spendenaktion "Brot für die Welt" geschrieben.

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erstellt am 03.Dez.2012 | 10:10 Uhr

Zarrentin | Landraub. Mitten unter uns. Das spüren die Zuschauer des Stücks "Wir haben die Erde gekränkt" gestern in der Zarrentiner Kirche. Ute Meister hat das Werk zum landesweiten Auftakt der Spendenaktion "Brot für die Welt" geschrieben. Zu einem gesellschaftlichen Thema, das auch in Mecklenburg-Vorpommern aktuell sei, sagt sie. "Es wird nur versucht, zu verheimlichen."

"Land zum Leben - Grund zur Hoffnung" heißt das Motto der Aktion in diesem Jahr, in dessen Fokus ein Projekt steht, das Kleinbauern in den Bergen Guatemalas unterstützen will. Deren Existenz ist bedroht, weil die Nebelwälder massiv abgeholzt werden.

Wie stark, zeigen die Schauspieler aus der Zarrentiner Region auf der Bühne. In 30 Minuten durch die Hölle einer Familie in der dritten Welt. Sie endet mit dem Tod, weil die skrupellose Profitgier von Investoren ihnen das Heiligste nimmt - ihr Land, das seit Generationen ihnen gehört, sie ernährt. Während die einen immer reicher werden, zerbrechen die Armen.

"Ein Skandal, auf den die Aktion Brot für die Welt in diesem Jahr aufmerksam machen will", sagt Martin Scriba, Landespastor für Diakonie, im Gottesdienst. Bundesweit. Und die Folgen dieser "kapitalgesteuerten Bodenreform" seien im Theaterstück keineswegs übertrieben. Es gebe einen wahren Run auf landwirtschaftliche Flächen weltweit. Wer Geld hat, bringe es dort unter. Mitunter auch der kleine Bürger in Anlagenfonds der Banken. Das Ergebnis: Rendite bringende Monokulturen wie Soja und Mais wachsen; die Fläche für Lebensmittel wie Getreide werde dagegen immer weniger, so Martin Scriba. "Und das geht dann auch an uns nicht spurlos vorbei." Nahrung werde knapper und teurer. Es drohe Hunger.

22 Jahre nach der Wende laufen Pachtverträge aus. Damit gelangen riesige Flächen auf den Markt. Die Nachfrage bestimme den Preis, so Scriba. Der sei in kürzester Zeit um 23 Prozent gestiegen. Summen, die sich viele Landwirte nicht mehr leisten könnten. "Brot für die Welt" setze sich deshalb für die gerechte Verteilung und ökologisch verträgliche Nutzung auf der Erde ein.

Und auch wenn der Bund die Privatisierung aller Flächen verlange; landeseigene in Mecklenburg-Vorpommern werden nicht verkauft. Das verspricht Landwirtschaftsminister Till Backhaus gestern nach dem Gottesdienst auf Nachfrage unserer Redaktion. Es sind 250 000 Hektar Wald, 50 000 Hektar Seen und 100 000 Hektar landwirtschaftliche Nutzfläche. Letztere würde langfristig an Bauern verpachtet, die eine Kreislaufwirtschaft betreiben, keine Monokultur. Andererseits sei ihm bewusst, dass Landwirte auch in unserer Region immer mehr von den besagten Gewinn bringenden Kulturen wie Soja oder Mais abhängig sind. Doch damit, und mit der tonnenweisen Einfuhr dieser Eiweiß reichen Produkte aus der dritten Welt für die Versorgung der Tierwirtschaft, "handeln wir mit dem Hunger anderer Menschen", sagt Backhaus.

Was er als Minister tun kann? Er will in Bildung investieren. Schon früh soll in Kitas über den bewussten Umgang mit Lebensmitteln gesprochen werden. Doch auch jeder einzelne sei gefragt in einer Gesellschaft mit stetig steigendem Fleischkonsum; in einer Gesellschaft, die 40 Prozent der Nahrung wegwirft. Der nächste politische Schritt ist die Agrarreform im Land, die ab 2014 greifen soll und mindestens einen dreigliedrigen Anbau vorschreibt: Mit Kartoffeln oder Getreide, neben Mais und Raps. Schon jetzt fördere das Land den ökologischen Anbau mit Millionen.

Trotzdem sehen laut einer Studie des Bundesforschungsinstituts für Tiergesundheit die Prognosen für die Zukunft schlecht aus. Sie prophezeit, dass 2050 die gesamte Ackerfläche der Erde für die Tierproduktion gebraucht wird. Schüler aus Zarrentin haben sich damit beschäftigt und ihre Ergebnisse zum Thema Landraub im Kloster ausgestellt.

Landraub. Mitten unter uns. Auch im Theaterstück "Wir haben die Erde gekränkt". "Hauptsache, uns geht es gut", sagt eine Schauspielerin, die mitten im Publikum steht. Damit jeder von uns pro Jahr mehr als 89 Kilogramm Fleisch vertilgen könne, müssten woanders Menschen hungern, weil ihnen das Land für den Anbau von Futtermitteln genommen wird. Ein bewusstes Element der Regisseurin Ute Meister. "Viele denken, was haben wir damit zu tun." Doch das sei mehr, als manch einer glaubt.

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