Ein Pflegeverhältnis ist keine Adoption : Landkreis sucht dringend Pflegeeltern

<strong>Sylvia Landau</strong> pflegt Neugeborene in der Kurzzeitpflege. <foto>kahe</foto>
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Sylvia Landau pflegt Neugeborene in der Kurzzeitpflege. kahe

Pflegeeltern wird vieles abverlangt. Sie müssen flexibel, belastbar und zuverlässig sein, Achtung vor den leiblichen Eltern haben und selber in einem intakten Familiensystem leben, das die Aufgabe gemeinsam trägt.

svz.de von
03. März 2013, 07:15 Uhr

Zwölf Apostel | Die Nacht war unruhig. Drei Mal ist Kevin* aufgewacht. Dreimal musste Sylvia Landau aus dem Bett und ihm sein Fläschchen geben. Am späten Vormittag liegt der Kleine in der Babyschaukel und schläft. Zeit für eine kurze Pause. Sylvia Landau ist Pflegemutter. Etwa 30 Kinder hat die 52-Jährige aus dem kleinen Ort Zwölf Apostel bis heute bei sich aufgenommen. Kevin kam zu ihr als er vier Tage alt war. Seine Mutter war nicht in der Lage, sich nach der Geburt um ihn zu kümmern. "Das Jugendamt rief an", sagt Sylvia Landau. "Und schon einen Tag später war der Kleine bei uns." In den allermeisten Fällen betreut Sylvia Landau Kinder in der Kurzzeitpflege. Mal bleiben sie drei Monate, mal auch nur eine Woche.

Die Kurzzeit- oder Bereitschaftspflege gehört zu den größten Herausforderungen für Pflegeeltern, sagt Bettina Haugg, im Landkreis zuständig für Pflegekinderwesen. Denn oftmals müsse das Jugendamt schnell handeln und mitunter über Nacht eine Pflegefamilie finden, die das Kind bei sich aufnimmt. "Eine sehr schöne, komplexe, aber auch schwierige Aufgabe", sagt Bettina Haugg. Den Pflegeeltern werde vieles abverlangt. "Sie müssen flexibel, belastbar und zuverlässig sein, sich viel Zeit nehmen, Achtung vor den leiblichen Eltern haben und selber in einem intakten Familiensystem leben, das die Aufgabe gemeinsam trägt." Ein Pflegeverhältnis sei keine Adoption. "Es ist eine Hilfe zur Erziehung in Notsituationen", sagt Haugg. Die Kinder bleiben so lange in den Familien bis sich ihr Elternhaus wieder stabilisiert hat. Ziel sei immer der Weg zurück zu den leiblichen Eltern.

Etwa 110 Kinder sind 2012 im Altkreis Ludwigslust in Pflegefamilien untergebracht worden. Der Bedarf, gerade in der Bereitschaftspflege, nimmt so stark zu, dass es immer schwieriger wird, kurzfristig Pflegefamilien zu finden. "Wir wollen vermeiden, dass gerade die jüngeren Kinder in Heimen betreut werden. Sie brauchen den Familienverbund und dafür brauchen wir die Familien", sagt Bettina Haugg. Mit vier Kolleginnen betreut sie die Pflegeeltern im Landkreis Ludwigslust-Parchim und bereitet Paare auf die Aufgabe vor. "Eltern, die sich bei uns melden, werden zum Gespräch eingeladen und später gemeinsam in Abendseminaren vorbereitet."

Auch Sylvia Landau hat die Seminare in Hamburg belegt bevor sie mit ihrer eigenen Tochter und dem Mann nach Zwölf Apostel bei Wittenburg zog. "Sicher haben wir auch daran gedacht, ein zweites Kind zu bekommen", sagt sie. "Aber dann wollten wir lieber erstmal anderen helfen. Es gibt so viele Kinder, die Hilfe brauchen." Das erste Kind, das sie betreute, war die Tochter einer Bekannten, die wegen ihrer Berufsausbildung zu wenig Zeit für ihr Kind hatte. Später übernahm sie die Betreuung von Kindern aus schwierigen Familienverhältnissen. "Man braucht ein breites Kreuz und muss viel aushalten können", sagt sie. "Aber am Ende zählt nur das Wohl des Kindes. Es ist einfach schön zu sehen, wie es sich entwickelt und wie gut es ihm geht."

Der kleine Kevin lebt jetzt zwei Monate bei ihr. "Vorgestern hat er zum ersten Mal gelächelt", erzählt Sylvia Landau. Sie hält Kontakt zu den leiblichen Eltern, manchmal bringt sie ihnen ihren Sohn, manchmal holt der Vater ihn ab - das alles immer unter Aufsicht ambulanter sozialpädagogischer Helfer. Die Kinder dann loszulassen, falle ihr auch nach so vielen Jahren noch schwer. "Das kostet mich Tränen", sagt sie. "Aber das gute Gefühl, geholfen zu haben, überwiegt."

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