Setzin : „Kumpel“ Alkohol zum Teufel gejagt

Hartmut Eggerth, Rita Habermann und Stefan Fokuhl plauschen auf der Gartenbank über sich und das Leben.
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Hartmut Eggerth, Rita Habermann und Stefan Fokuhl plauschen auf der Gartenbank über sich und das Leben.

Hartmut Eggerth aus Setzin ist seit elf Jahren trocken. Geholfen, die Sucht in den Griff zu bekommen, haben Therapie und Ex-Freundin

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01. August 2016, 21:00 Uhr

„Ich will trocken sterben.“ Der das sagt, weiß, wie schwer es ist, täglich gegen den Dämon Alkohol anzukämpfen, der dennoch oft die Oberhand behält. Seit über elf Jahren hat Hartmut Eggerth weder Bier und Wein, noch Schnaps zu sich genommen. Darauf ist der 55-Jährige stolz. Denn nach dem Saufdruck kommt meist der Leidensdruck.

„Ich wollte wegkommen vom Suff. Der hat so viel in meinem Leben kaputt gemacht“, schätzt der Setziner ein, dessen Wiege einst in Dabel stand. Über das Suchttherapieheim in Rastow namens Pulverhof kam der gelernte Maurer 2007 in die Wohn- Arbeits- und LebensGemeinschaft (WALG) Zühr Caritas Mecklenburg e.V.

„Hier hat es bei mir endlich Klick im Kopf gemacht. Ich wollte leben“, erinnert sich Eggerth, der zum Schluss sogar eine Außenwohnung hatte. „Mit eisernem Willen habe ich es geschafft, vom Trinken loszukommen.“ Ein bisschen geholfen hat dabei auch die Ex-Freundin. Rita Habermann ist seit 1994 trocken. Hartmut hat sie im Pulverhof kennengelernt. „Wir haben uns gegenseitig geholfen“, sagt die Hamburgerin nach kurzem Nachdenken. Sie selber habe in ihrer unrühmlichen Trinker-Laufbahn zum Schluss eine ganze Flasche Wodka gebraucht, um über den Tag zu kommen. „Ich hatte familiäre Probleme, fühlte mich von allen alleingelassen und habe dann auch noch meinen Job verloren“, berichtet die 61-Jährige, die noch losen Kontakt mit dem Wahl-Setziner hält. Der ist vor einem Jahrzehnt in eine eigene Wohnung in die Hauptstraße gezogen. Garten, Hund Felix und die Wellensittichzucht geben ihm seitdem Halt. Einen Absturz habe es bisher noch nicht gegeben, sagt Eggerth. Noch eine Arbeit zu finden, diesen Gedanken hat der nunmehr trockene Alkoholiker längst beerdigt. „In meinem Alter will mich doch gar keiner mehr“, sagt er ein bisschen mit Verbitterung in der Stimme. Mit Saufen angefangen habe er 1997, als seine Mutter starb. Das habe ihn völlig aus der Bahn geworfen, gesteht Eggerth.

„Als Hartmut zu uns nach Zühr kam, nannte wir ihn immer den Wühler. Er hat wie ein Besessener die Arbeit gesucht, wollte immer was schaffen“, erinnert sich Stefan Fokuhl, der Leiter der sozialtherapeutischen Einrichtung, die sich am Schlossplatz von Zühr befindet.

„Rückblickend bereue ich es, dass ich jemals mit dem Trinken angefangen habe“, gesteht Hartmut Eggerth. „Ich hätte 20 Jahre früher aufwachen müssen, dann wäre mir vielleicht vieles erspart geblieben.“ Ohne Entschlossenheit schaffe man den Entzug und das Nüchternbleiben nicht, schätzt er weiter im SVZ-Gespräch ein. Wie beiläufig erwähnt er seinen Sohn, mittlerweile 25 Jahre alt, aus einer vorherigen Beziehung. Kontakt habe er aber leider nicht mehr zu ihm. Wahrscheinlich habe das die Mutter nicht gewollt. „Das hat mich eine Zeit lang wütend und traurig gemacht“, sagt der schmächtige Mann, dessen Gesicht von der Sucht immer noch gezeichnet ist. Doch nun sei er drüber weg, denke nicht mehr daran und hoffe, dass es seinem Sohn gut gehe. Wo immer er auch lebe.

„Ohne Rastow, Zühr und meine Ex-Freundin hätte ich den langen Weg zurück ins Leben zu 80 Prozent nicht geschafft“, schätzt Hartmut Eggerth heute selbstkritisch ein. Dass er die erdrückende Rolle des Alkohols aus seinem Leben verbannt hat, macht ihn glücklich und selbstbewusst. Das Schamgefühl, dass die Trinksucht oft mit sich bringe, habe er längst überwunden, sagt Eggerth. „Wenn man sich selbst belügt, wird nichts draus aus dem Wegkommen vom Suff. Ich will später wirklich mal nüchtern sterben. Das Versprechen habe ich mir selbst gegeben.“

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