Storchenberingung im Altkreis Ludwigslust : Kritisch: Nur noch 85 Nester belegt

Flach ducken sich die beiden Jungstörche ins Nest in Sudenhof, als der Lübtheener Vogelkundler Helmut Eggers  die Tiere beringen möchte. Damit registriert er jedes Tier und prüft gleichzeitig Gesundheitszustand und Nestbeschaffenheit. nien
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Flach ducken sich die beiden Jungstörche ins Nest in Sudenhof, als der Lübtheener Vogelkundler Helmut Eggers die Tiere beringen möchte. Damit registriert er jedes Tier und prüft gleichzeitig Gesundheitszustand und Nestbeschaffenheit. nien

Bei der jährlichen Storchenberingung im Altkreis Ludwigslust kommt die Zahl ans Licht: Der Lübtheener "Storchenvater" Helmut Eggers sorgt sich um die Bestände.

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10. Juli 2012, 10:48 Uhr

Sudenhof | Sie ducken sich, liegen flach auf dem Boden. Die Schnäbel ins Nest gesteckt. Mucksmäuschenstill verharren die Jungstörche im Sudenhofer Nest, als "Storchenvater" Helmut Eggers in der Hebebühne dichter kommt. Im Gepäck für jeden einen Ring, der die Vögel künftig begleiten soll. Lebenswege, Verpaarungen, Unglücke - diese Registrierung verrät später vieles über die Tiere. Doch das sei nicht das Wichtigste an der Beringung in jedem Sommer, sagt Helmut Eggers. "Wir schauen, ob die Störche gesund sind und das Nest stabil und tragfähig."

20 Nester am Tag, 85 insgesamt, hat der Lübtheener zusammen mit einem Mitarbeiter des Energieversorgers Wemag in diesem Jahr im Altkreis Ludwigslust angesteuert. Eine kritische Bilanz, so sein Resümee. "Es gab Zeiten, da waren 120 Nester belegt", sagt der Lübtheener, der sich seit 41 Jahren um Störche in der Region kümmert. Eine Entwicklung, die den 59-jährigen Ornithologen nachdenklich stimmt.

Er packt das erste Junge, legt den Ring um die dünnen Stelzen des starren Tieres. Das Nest wackelt. Marko Winter beobachtet die Aktion zusammen mit Sohn Hannes von unten. Der zweite Storchenexperte vor Ort sorgt sich. "Das hält nicht mehr. Da muss ’n Keil drunter", ruft er nach oben. Helmut Eggers nickt. Sofort rennt Nest-Betreuer Gerd-Egbert Schnabel los. Er holt ein Stück Holz und einen Hammer.

Nachdem auch der zweite Jungstorch seinen Ring trägt, fährt die Gondel wieder nach unten. Zwei Tiere - "da haben die Eltern schon ein oder zwei rausgeschmissen", sagt Helmut Eggers. "Das machen sie, wenn sie nicht alle großziehen können", erklärt er. Die Nahrung sei mitunter knapp. Zu viel Mais und Raps, "da finden sie nichts", kritisiert der Vogelkundler die zunehmenden Monokulturen in der Landwirtschaft. Was ihm noch aufgefallen ist in den letzten Tagen: tote Störche in der Nähe von Straßen. Er vermutet, dass die Tiere so weit ausweichen müssen, um an Futter zu kommen. "Wir haben heute fast so viele Straßen- wie Leitungsopfer." Letztere seien zurückgegangen, weil gefährliche Strommast-Typen mittlerweile geschützt sind - Vorgaben des neuen Vogelschutzparagraphen.

Marko Winter will in die Gondel, um das Nest zu reparieren. "Der eine guckt Fußball, geht in die Kneipe. Der andere schaut sich Störche an", begründet er seine Passion für die Tiere. Als 14-Jähriger ist er das erste Mal mit Helmut Eg-gers auf Vogelpirsch gewesen. So ist es heute mit Winters Sohn Hannes. Der schaut seinem Vater durchs Fernglas zu, wie er etliche Meter in die Höhe fährt. Der Zehnjährige nutzt die Ferien, um alles rund um die Beringung mitzuerleben. Nicht das erste Mal.

Solches Interesse würde sich Helmut Eggers auch von anderen Kindern wünschen. "Wir sind zu wenige", bedauert der Vogelschützer. Es sei schwieriger geworden, die Jugend dafür zu begeistern. Dabei sei viel zu tun und zu erleben in der Ornithologie. Nicht nur in Sachen Storchenschutz. Dass das auch Zeit kostet, ist dem Lübtheener bewusst. Aber so lange der selbstständige Apotheker das hinbekommt, macht er weiter mit seinem Hobby, das einem Zweitjob gleichkomme. Auch Marko Winter bleibt dabei. Und vielleicht setzt sich auch Hannes bald für die heimischen Störche ein.

Das Nest hält wieder. Der nächste Sturm kann kommen, und das nächste Paar im folgenden Jahr. Kaum fertig mit der Reparatur, gleitet der Altstorch auf das Nest zu. Im Schnabel Wasser und Futter für die Zöglinge. Vermutlich wird er auch 2013 wieder in Sudenhof brüten. "Der Storch ist nämlich eher mit seinem Nest verheiratet, als mit seinem Partner", erzählt Helmut Eggers.

Von Ende Mai bis jetzt sind Eggers und sein Kollege im Landkreis unterwegs. Je nach Brutbeginn müssen sie die ersten Lebenswochen der Vögel für die Beringung nutzen. Mitunter mehr als 30 Meter in der Höhe. Dann mit einem speziellen Hubsteiger der Firma Bartels aus Lehsen, der auch hohe Schornsteine erreicht.

In Sudenhof packen die Vogelschützer zusammen. Erst jetzt strecken die Jungstörche ihre Schnäbel wieder in die Höhe. In der Obhut des wachsamen Altstorches.

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