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Flüchtlings-Filmprojekt in Bengerstorf : Krieg ist mehr als ein Wort

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Aus der Redaktion des Hagenower Kreisblatt

Fünf junge syrische Flüchtlinge drehten mit Hilfe von Cenci Göpel und Jens Warnecke aus Groß Bengerstorf einen Kurzfilm über ihre Situation

svz.de von
erstellt am 05.Jan.2017 | 07:00 Uhr

In nur drei Minuten bringen sie ihre derzeitige Situation auf den Punkt. Fünf junge syrische Flüchtlinge haben einen Film über sich gedreht, der in so kurzer Zeit viele Fragen beantwortet. Sie alle kamen im Herbst 2015 als unbegleitete minderjährige Flüchtlinge nach Deutschland. Inzwischen leben Ismaeel (18), Saeed (19) und Diaa (19) in Hagenow, Mohamad (19) in Ludwigslust und Mahjeed (17) in der Kinder- und Jugendeinrichtung des IB in Dersenow. Sie alle besuchen derzeit einen Deutschkurs und sprechen mittlerweile so gut deutsch, dass das gesamte Gespräch mit der SVZ in der Sprache ihres Gastlandes stattfinden konnte.

„Viele Menschen in Deutschland denken, dass wir hier sind, weil uns in Syrien langweilig war“, erklärt Mohamad, warum er und seine Freunde diesen Film machen wollten.

Die Idee dafür hatte Ismaeel. Eigentlich wollte er ein Theaterstück über seine Heimatstadt Aleppo machen. Doch bei einem Treffen mit der Boizenburger Willkommens-Initiative entstand die Idee für den Kurzfilm.

„Als die Islamisten Teile meiner Heimatstadt Aleppo besetzt haben, wurden alle männlichen Erwachsenen ab 14 Jahren verhört“, erzählt Ismaeel noch. Anscheinend sagte er irgendetwas Falsches, denn er verschwand für eineinhalb Monate im Gefängnis - damals war er erst 15 Jahre jung. Als er aus dem Gefängnis endlich heraus durfte, schickte ihn sein Vater sofort außer Landes. Ismaeel lebte und arbeitete zwei Jahre in der Türkei, bis er im Herbst 2015 die Reise nach Deutschland antrat.

„Meine Freunde, dieses Video ist nicht dafür, um euch zum Lachen zu bringen“, beginnt Ismaeel im Film. „Krieg ist mehr als nur ein Wort.“

Jeder der Jugendlichen, die alle soweit von zu Hause und von ihren Eltern leben, greift im Film kurz ein Thema auf, welches ihn beschäftigt. Ihre Worte werden mit entsprechenden Bildern aus Syrien zusammen geschnitten.

„Ich bin sprachlos, verzweifelt und deprimiert“, sagt Mahjeed im Film. „Bitte stellt euch vor, wie Syrien vor dem Krieg war!“

Diaa sagt, dass er immer vor dem Schlafengehen darüber nachdenkt, warum er und seine Freunde hier in Deutschland sind und wie sie einen Neuanfang schaffen können.

„Wisst ihr, was mich bedrückt?“, fragt Saeed. „Seine Familie und Freunde nicht sehen zu können.“

Ismaeel erzählt, dass er auf die Frage: „Wie ist die Situation in Syrien?“ nicht weiß, was er sagen soll. Weil er eigentlich sonst fünf Tage hintereinander nicht aufhören könnte, darüber zu reden. Mahjeed berichtet, wie bedrückend es ist, wenn sie hier in Deutschland erfahren, wie das Elternhaus von einem von ihnen von einer Bombe getroffen wird.

Diaa erklärt, wie sehr ihn bedrückt, dass die junge syrische Generation so verloren ist, entweder gestorben, verschwunden oder auf der Flucht.

„Wisst ihr, was mich bedrückt“, sagt Ismaeel an einer Stelle. „Wenn mich jemand auf der Straße anspricht und fragt: ‘Was machst Du hier, Du scheiß syrischer Flüchtling?’“

Aus einem Land heraus zu wollen, in dem Krieg, Gewalt und das Umbringen von Menschen an der Tagesordnung sind, das habe jeder Mensch verdient, meint Mohamad.

Die Filmemacher und Fotografen Jens Warnecke und Cenci Göpel - letztere ist auch Mitglied der Willkommens-Initiative - erfuhren von dem Filmprojekt und boten ihre Hilfe an. Sie drehten den Film mit den fünf Jungen unentgeltlich und in ihrer Freizeit. „Die Ideen für den Inhalt kamen von den Jugendlichen“, betont Cenci Göpel. Sie und Jens Warnecke hätten nur mit ihrem Know how und Equipment geholfen.

„Wenn irgendetwas Schlimmes in Deutschland passiert, werden wir alle dafür verantwortlich gemacht“, bedauert Ismaeel gegenüber der SVZ. „Aber es gibt überall gute und schlechte Menschen“, ergänzt Diaa. „Wir versuchen es gut zu machen“, versichert Mohamad. „Ihr sollt keine Angst vor uns Flüchtlingen haben.“

Alles rund um die aktuelle Flüchtlingsdebatte lesen Sie in unserem Dossier.

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