Boizenburg : Kein Anschluss an den HVV

Der RE 1 aus Hamburg am Bahnhof Boizenburg werktags um 16.12 Uhr.
Der RE 1 aus Hamburg am Bahnhof Boizenburg werktags um 16.12 Uhr.

Pendler der Region wünschen sich ein langfristiges Nahverkehrskonzept, doch einige Wünsche bleiben unerfüllt

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17. Juli 2018, 12:00 Uhr

Alles in allem drei Tickets benötigten die Einwohner des Amtes Neuhaus bis vor kurzem, um von ihrem Wohnort über die Elbe bis nach Lüneburg zu kommen. Nachdem beschlossen wurde, dass das Amt an den Hamburger Verkehrsverbund (HVV) angeschlossen wird, reicht zukünftig ein Ticket für dieselbe Strecke. Eine ähnliche Erleichterung durch den Anschluss an den HVV wünschen sich auch die Boizenburger. Das wurde bei dem Pendlerdialog vor wenigen Wochen, an dem neben Vertretern der Stadt und der Deutschen Bahn auch der Minister für Energie, Infrastruktur und Digitalisierung, Christian Pegel, beteiligt war, deutlich. Doch was für das niedersächsische Gebiet möglich ist, scheint für die Fliesenstadt keine Option zu sein. Für viele Pendler der Region ist das nicht nachvollziehbar.

„Frustrierend, wie einfallslos das Ministerium für Infrastruktur und Digitalisierung operiert. Sollte nicht mindestens der Minister ohne gleich die ach so beliebten und auch nicht billigen externen Beratungsfirmen heranzuziehen ein Konzept haben?“, heißt es dazu von Hans-Christian Heinicke in einem Brief an unsere Redaktion. Dabei bezieht sich der Boizenburger auf die Reaktion Christian Pegels auf die Nachfrage des Publikums nach einem langfristigen Nahverkehrskonzept. Warum könne Boizenburg beispielsweise nicht an den HVV angeschlossen werden?

„Ich habe eine Rolle, in der ich nicht immer nur Everybodys’ Darling sein kann. Ich darf nicht nur von Boizenburg nach Hamburg schauen und sagen, dass ich mich ausschließlich auf die Interessenlage einer konkreten Stadt interessiere. Sondern ich schaue auf 1,6 Millionen Menschen mit ihren sehr unterschiedlichen Interessen“, so Christian Pegel. Auch bei den finanziellen Mitteln würde das Konzept ähnlich aussehen. Man könne sich nicht nur auf ein einziges Vorhaben zur Verbesserung der Infrastruktur des Landes konzentrieren, sondern müsse alle in das Finanzkorsett einbeziehen. „Die HVV-Mitgliedschaft ist exorbitant teuer. Da würde ich mir die Zähne ausbeißen“, verteidigt Christian Pegel das Handeln des Ministeriums. Für viele Pendler ist diese Antwort jedoch unbefriedigend.

Um auf der Verwaltungsebene des Landes und der für den öffentlichen Nahverkehr zuständigen Unternehmen mehr Verständnis für die Pendler zu schaffen, hat Hans-Christian Heinicke einen Vorschlag. Zumindest die Mitarbeiter des Ministeriums für Infrastruktur solle man über einen längeren Zeitraum für alle Dienstreisen auf die Nutzung des öffentlichen Nahverkehrs verpflichten, damit ein Lerneffekt eintrete. Das würde auch dem von Christian Pegel zelebrierten Geizhals-Prinzip entsprechen, wenn man alle „Stadtpanzer“ gegen ÖPNV-Tickets austauschen würde, so der Boizenburger in seinem Brief an die SVZ-Redaktion.

Derzeit würde jedoch an einem Konzept gearbeitet werden, dass Zeitkarteninhabern aus Schwerin und dem Landkreis Ludwigslust-Parchim zumindest eine finanzielle Erleichterung bieten würde. Ob und vor allem wann ein solcher Pendler-Rabatt für HVV-Zeitkarten jedoch kommen wird, bleibt abzuwarten.

Kommentar “Ist das zu viel verlangt?“ von Jacqueline Worch

Die Pendler haben die Nase voll – und das nicht erst seit gestern. Zugverspätungen, Fahrplanänderungen, die die Fahrt zur Arbeit scheinbar erschweren statt erleichtern, und mit dem Auto kommen sie dank der zahlreichen Baustellen in der Region auch nicht weit. Verständlich, dass dem einen oder anderen, der jeden Tag von dieser andauernden Misere betroffen ist, der Kragen platzt. Darauf zu beharren, dass eine Änderung der Umstände nicht möglich ist, bringt da auch nichts. Und auch das Argument, dass andere Regionen betroffen seien, wenn man hierzulande etwas ändert, klingt scheinheilig, wenn man bedenkt, dass der Fahrplan vieler Pendler von einer Streckenänderung betroffen ist, auf der sie gar nicht unterwegs sind. Wasser predigen und Wein trinken ist an dieser Stelle wohl der falsche Ansatz. Doch auch das Kopf-durch-die Wand Prinzip vieler Pendler wird kaum zum gewünschten Erfolg führen. Denn auch wenn der Unmut der Menschen dieser Region verständlich ist, sollte nicht außer Acht gelassen werden, dass Mecklenburg-Vorpommern nun mal nicht nur aus dem Landstrich zwischen Schwerin und Hamburg besteht. Als jemand, der selbst täglich diese Strecke pendelt, kann ich Ihnen sagen: Seinem Unmut Luft zu machen ist gut, doch man sollte die Situation nicht zu einseitig betrachten. Und diejenigen, die die Macht haben, an der Pendlersituation etwas zu ändern, seien daran erinnert, dass die Menschen lieber einen langen Arbeitsweg auf sich nehmen, als MV zu verlassen. Sollte diese Verbundenheit zur Region nicht wenigstens mit Verständnis belohnt werden? Oder ist das zu viel verlangt?
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