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Nieklitz : Jurassic Park von Nieklitz erwacht zu neuem Leben

vom
Aus der Redaktion des Hagenower Kreisblatt

Eine Genossenschaft junger Leute aus Berlin kauft in dieser Woche den verwilderten ZMTW-Park und will auf zehn Hektar eine alternative Zukunft aufbauen

von
erstellt am 29.Jul.2016 | 06:00 Uhr

Zuletzt kamen sie praktisch jede Nacht, die Plünderer, die Vandalen, die Diebe. Sie wurden immer frecher. Durch drei große Löcher im Zaun drangen sie immer rücksichtsloser auf das Gelände des einstigen Zukunftsparks ein. Und nahmen mit, was nicht niet- und nagelfest war. Zerschlagene Scheiben, gestohlene Exponate, undichte Häuser, Scherben überall, zerschlagene Wände, herausgerissene Kabel, abgeflexte Edelstahllampen zeugen davon. Dazu haben die Pflanzen fast alles überwuchert. Aus dem ZMTW-Park in Nieklitz im Landkreis Ludwigslust-Parchim an der Landesgrenze zu Schleswig-Holsteinist binnen kürzester Zeit ein Jurassic-Park geworden. Nur die Dinos fehlen, dafür sind die Wildschweine schon längst da, wie sich an den Spuren einiger Außenanlagen im Wald unschwer erkennen lässt.

Doch überall lässt sich die Pracht von einst noch erkennen, die Mühe, die hinter jedem Exponat steckt. Hier gammeln Millionen vor sich hin. Millionen, die die Steuerzahler einst für das Projekt des Professors Bernd Heydemann ausgaben.

Und doch ist zusammen mit dem Insolvenzverwalter seit einem Jahr konkret an einer neue Zukunft für das umzäunte Gelände nahe Nieklitz in der Gemeinde Gallin gearbeitet worden. Gestern hat das zehn Hektar große Gelände den Besitzer gewechselt. Käufer wird eine im nahen Rögnitz ansässige Genossenschaft in Gründung. Dahinter stecken derzeit etwa 30 junge Leute, zwischen Mitte 20 und 50 Jahre alt, die in dem Park so etwas wie eine Riesenspielwiese für ihre alternativen Projekte sehen. Viele von ihnen kommen aus Berlin und Umgebung. Das bestätigen Lale Rohrbeck, Jennifer Silze, Ceylan Rohrbeck und Stefan Kunzmann. Die vier sind derzeit so etwas wie das Vorauskommando und versuchen, das Schlimmste zu verhindern.

„Noch vor einem Jahr“, so erzählt es Lale Rohrbeck (25), „hätte man hier fast einziehen können, es sah nur verlassen aus. Jetzt sehen Sie selbst.“ Lale gehört zu der Gruppe von jungen Leuten, die dem einst gescheiterten Projekt des Zukunftsparks Nieklitz ein neues, doch anderes Leben einhauchen wollen. Für die junge Frau und ihre Mitstreiter wird das wohl eine Lebensaufgabe. Doch das schreckt die jungen Leute nicht, die alle verschiedene Berufe haben.

Lale kommt aus Rögnitz im Landkreis Nordwestmecklenburg, ihre Mutter betreibt dort die Ziegenkäsemanufaktur. Tochter Lale, erfuhr über sie und den Chef des Biosphärenamtes Klaus Jarmatz vom insolventen Park. Es kam zu ersten Besuchen und Ideen.

Das jetzt tatsächlich das Gelände gekauft werden kann, liegt an der Gründung der Genossenschaft, die gemeinsam das nötige Kapital für den gestern statt gefundenen Kauf aufgebracht hat.

Die neuen Besitzer sprühen vor Ideen und Enthusiasmus. Ein paar Dinge sind schon klar. Der Park wird nicht einfach wieder aufgemacht und soll Besucher empfangen. Er wird aber auch nicht in Grund und Boden gestampft, denn mit der Bionik, einst Grundkonzept des Parkes, wollen die jungen Leute weitermachen. „Und wir sind keine Invasoren, die mal eben aus Berlin kommen und hier ihr Ding durchziehen wollen. Wir wollen mit allen, die nachhaltig leben wollen, gemeinsam Ideen und Projekte entwickeln“, erzählt Jennifer, die aus Ostfriesland kommt. Die Gruppe hat große Ziele.

„Um dem Anspruch einer Keimzelle einer zukunftsfähigen Gesellschaft auch wirklich gerecht werden zu können, werden auf dem zehn Hektar großen Areal mittelfristig die zentralen Bereiche einer Gesellschaft im Mikroformat abgebildet werden: von einer autarken Energie-, Wasser- und Abwasserinfrastruktur über Wohneinheiten, Freizeitangebote und dem Anbau eigener Nahrungsmittel bis hin zur Technologieentwicklung und Produktion von Kleinserien in Werkstätten wie dem Green Circular Economy FabLab“, heißt es auf der Internetseite der Gruppe. Die hat sich u. a. über das Earthship-Projekt gefunden, dem Bau eines Null-Energiehauses in Mittelfranken.

Bevor die Ideen jedoch umgesetzt werden können, ist vor allem Aufräumen angesagt. Ceylan Rohrbeck: „Wir kümmern uns vor allem um die Häuser, versuchen, sie dicht zu bekommen, räumen auf und sichern die Exponate. Dann machen wir weiter.“ Zwar ist an eine ständige Präsenz einiger Mitglieder gedacht, ein Wohnpark soll Nieklitz jedoch nicht werden. Der Vater, Gründer und auch Mitfinanzier des Parks, Prof. Bernd Heydemann, wohnt noch ganz in der Nähe und soll in diesen Tagen noch vieles von seiner Habe auf dem Gelände sichern.

Prof. Dr. Dr. h.c. Berndt Heydemann, Schleswig-Holsteins ehemaligen Umwelt- und Landesplanungsminister (1988 bis 1993), hatte den Park gegründet. Heydemann sei Vordenker, Beobachter und engagierter Anwalt für die Natur, ausgestattet mit großer Leidenschaft für die Vermittlung von Umweltthemen, hatte Ex-Ministerpräsident Björn Engholm bei der Verleihung eines Zukunftspreises gesagt. „Seine Überlegungen, die er vor mehr als 20 Jahren gemacht hat, sind heute noch so wertvoll wie damals. Der Visionär Heydemann hatte immer die Zukunft im Blick“, so Engholm. ZMTW so war die Abkürzung für den Park, das stand für Zukunft – Mensch – Natur – Technik – Wissenschaft“.

Und für millionenschwere Unterstützung. Gut sieben Millionen Euro an öffentlicher Förderung flossen mindestens in den Park, der 2013 nach Antrag einer Krankenkasse Insolvenzantrag stellen musste. Damals war der Park offiziell gut 18 Hektar groß. Jetzt ist nur noch von gut zehn Hektar die Rede.

Das liegt daran, dass in diesen Tagen zunächst nur das eigentliche Parkgelände verkauft werden soll. Dazu gehören aber noch weitere acht Hektar, die in einem benachbarten Waldgrundstück liegen. Was mit diesem Bereich passieren soll, ist nach Auskunft der Genossenschaftsmitglieder noch nicht klar.

Gescheitert ist das alte Projekt des Nieklitz-Parks an seiner abgeschiedenen Lage und am mangelnden Interesse der Besucher. Statt der erhofften 200000 Gäste im Jahr kamen nur 12 000. Und irgendwann 2008 drehte das Land Mecklenburg-Vorpommern den Geldhahn ab. Es wurde ein Tod auf Raten.

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