Geschichte wird umgeschrieben : Ist Hagenow viel älter als gedacht?

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Wo heute die Stadt ist gab es bereits 150 nach Christus die Siedlung „Lirimeris “/ Archäologe: Rätsel um fehlende Stadtmauer gelöst

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18. November 2014, 17:30 Uhr

Die Siedlungsgeschichte Hagenows  ist offenbar viel älter als bislang angenommen. Dies berichtete überraschend der Archäologe Rolf Schulze am Montag Abend in der Alten Synagoge.

„Lirimeris“, unter diesem Namen bestand bereits 150 nach Christus  eine Siedlung  genau an der Stelle des heutigen Hagenows.   Damit müsste die Geschichte der Region neu geschrieben werden. Schließlich hieße   dies, das  Niederelbgebiet und Mecklenburg Vorpommern waren  in der Zeit um 100 nach Christus direkt im Fokus der Römer, die im germanischen Raum  vielleicht nach Bündnispartnern suchten. Bisher wusste man das nicht genau.

Herausgefunden hat das ein Team aus Wissenschaftlern der  TU und FU Berlin. Sie werteten  eine Landkarte des  Geographen Ptolemaeus aus, die 150 nach Christus in Alexandria entstandene „Geographike Hyphegesis“. Sie ist die detaillierteste Darstellung dieser Region aus der Antike. Ptolomaeus hatte in seiner Karte mehr als 144 Orte mit Längen- und Breitenangaben  benannt. Leider in einem Bezugssystem, das sich bislang nicht genau deuten ließ. In einer computergestützten geodätischen Analyse  konnten die Forscher nun Klarheit in die Ortsnamen bringen.  Und so bekommt anscheinend die Geschichte im Raum Hagenow ein weiteres Kapitel.

Abschließend sei das noch nicht geklärt, so  Dr. Hans-Jörg Nüsse vom Institut für Prähistorische Archäologie an der Freien Universität Berlin. Er hat als der Archäologe im Team die Plausibiliät der errechneten Ergebnisse geprüft. „Das ist mit den Daten nicht so einfach, weil Ptolomaeus die Koordinaten selten über fünf Bogenminuten präzisiert. Das macht es auf 20 Kilometer etwas schwammig. Wir haben einen ersten Lösungsvorschlag gemacht.“

Erschwerend  im germanischen Raum  komme hinzu, dass es damals nur  einfache Siedlungen gab. Deshalb gibt es nicht so viele archäologische Funde.

Aber einige gibt es zum Glück doch und viele davon gefunden hat Rolf Schulze. Beispielsweise  zwei Urnen aus der vorrömischen Eisenzeit. Die währte von etwa 700 vor Christus bis zum Jahre Null.  Die Urnen hat der Archäologe 2006 bei seinen Grabungen  in der Innenstadt gefunden. Etwa dort, wo heute der Penny Markt ist, gab es zudem besonders reich ausgestattete Fürstengräber, ebenso im Toddiner Forst.  Zusammengenommen kann dies als Beleg für eine  hohe Kontinuität in der Besiedlung der Region gewertet werden.

 Somit scheint es sehr wahrscheinlich, dass Hagenow dauerhaft den Namen „Limeris“ für sich beanspruchen kann.

Ganz anders etwa als Lüneburg. Vor der Publikation der Forschungsergebnisse war man sich dort sicher, Lüneburg habe damals „Leufana“ geheißen und hatte sogar die Universität nach dem historischen Stadtnamen benannt. „Leufana“ aber, so weiß man heute, bezeichnet die Stadt Hitzacker, die mit ihrem Elbübergang schon damals ein wichtiger Punkt der Handelsroute von der Elbe bis zur Wismarer Bucht hin war.

Doch das war nicht die einzige Sensation des Abends.    „Hagenow hatte keine Stadtmauer. Das war damals sehr ungewöhnlich, besonders, da die Stadt schon früh sehr bedeutend war“, erklärt Rolf Schulze. Die Grabungen brachten die Erklärung. Die Stadt bestand  aus zwei Siedlungskernen. Der eine umfasste wie bereits bekannt die Kirche und die Burg. Der andere, und das ist neu, liegt im Bereich der heutigen Vogtei am Rathausmarkt. Hier konnten  durch die Grabungen Siedlungsaktivitäten seit dem 13. Jahrhundert zweifelsfrei nachgewiesen werden.    Nimmt man hinzu, dass es bereits 1190 sowohl einen  Ritter als auch einen Priester in der Siedlung gab - und das war in dieser Region alles andere als üblich - erhärtet sich die Annahme, dass Hagenow damals bereits einige Bedeutung hatte.

Noch nicht besiedelt war zu dieser Zeit die Lange Straße, die heute wie damals Vogtei und Burg miteinander verband. Da die Stadt so  gestreckt war, wäre es ökonomisch einfach nicht sinnvoll gewesen, eine so lange Stadtmauer zu bauen, meint der Archäologe. Hinzu komme noch, dass sich diese auch kaum hätte verteidigen lassen.  Besonders stolz macht Rolf Schulze, dass es keine andere Möglichkeit außer der Archäologie gegeben habe, dies herauszufinden. Denn beim großen Brand 1776 war das Stadtarchiv zerstört worden.  Die Ergebnisse der Grabungen wird Ralf Schulze in der  Schriftenreihe des Museums Hagenow veröffentlichen. Das genaue Datum dafür ist noch nicht bekannt.

Doch ein Rätsel bleibt. Was  hat sich in der Zeit  ab 300 n. Chr. bis zur ersten Wiedererwähnung der Siedlung unter dem Namen „Hachenowe“ im 12. Jahrhundert abgespielt?

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