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Wiederholungstäter muss 18 Monate in den Knast : "Ich hatte Angst vor dem Gefängnis"

vom

Martin M. soll am 12. November 2011 ohne Führerschein, mit nicht zugelassenem BMW und unter Drogeneinfluss vor Polizeibeamten geflohen sein. Ohne Rücksicht auf Verluste, mit Tempo 140. Nun wurde er verurteilt.

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erstellt am 21.Mär.2012 | 09:05 Uhr

Hagenow/Ludwigslust | Auf den letzten Drücker hastet Martin M. in den Warteraum des Amtsgerichts Hagenow. Die Tragetasche mit Säugling stellt er auf den Stuhl, gibt ihm noch schnell die Flasche und betritt den Saal. Während seine Freundin mit dem Kind draußen um das Schicksal ihres vorbestraften Lebensgefährten bangt, stellt sich der hagere 26-jährige seinen Taten. Der Vorwurf: Er soll am 12. November 2011 ohne Führerschein, mit nicht zugelassenem BMW und unter Drogeneinfluss vor Polizeibeamten geflohen sein. Ohne Rücksicht auf Verluste, mit Tempo 140, überholt er dabei auf der B5 zwischen Ludwigslust und Grabow mehrere Fahrzeuge, und gefährdet sich und entgegenkommende Autofahrer.

Martin M. ist blaß, hat tiefe Augenringe. Er schaut auf den Boden, stützt den Kopf mit der Hand. "Erzählen Sie mal, warum hatten Sie es denn so eilig? Und dann noch ohne Fahrerlaubnis", fragt Richter Thomas Rehbein. "Ich wollt nur schnell nach Hause", sagt der Schweriner. Alkoholisiert und mit Drogenrückständen im Blut kam er aus Richtung Magdeburg, wo der Arbeitslose einer Schwarzarbeit nachging, um seine Schulden für Miete und Gerichtskosten in den Griff zu bekommen. "Ich wusste nicht, wie ich das sonst bewältigen soll." Drei, vier Bier nach der Arbeit, noch ein Wicküler vor der Rückfahrt, einen Joint am Abend zuvor und die Droge Speed am Wochenende - der 26-Jährige ist geständig.

Polizist aus Halle lässt Martin M. auffliegen

Aufgeflogen ist der junge Schweriner durch einen Polizeibeamten aus Sachsen-Anhalt, der privat auf der selben Strecke unterwegs war. Ihm sei sofort aufgefallen, dass der Zulassungsstempel auf dem Nummernschild des BMW fehlt. Weil ihm der Fahrer nicht geheuer vorkam, versetzte der Mann aus Halle sich in den Dienst, nahm die Verfolgung auf und benachrichtigte die Kollegen in Ludwigslust.

Diese postierten sich auf der Total-Tankstelle der Stadt, mit dem Auftrag, das Fahrzeug zu stoppen. "Ich blieb dran", sagt der Zeuge. Bei 140 Sachen und 80 km/h in der Ortschaft habe er den Drogenfahrer allerdings immer wieder aus den Augen verloren. Bis Grabow. "Es war einfach zu riskant", schildert er. "Ich habe mich bedrängt gefühlt", entgegnet Martin M..

Erst auf der Tanke habe der Beamte den BMW wieder gesehen, wo schon ein Ludwigsluster Kollege auf das Auto des Verfolgten zugegangen sei. "Aussteigen! Polizei", soll dieser laut gerufen haben. Die Waffe gezückt, um der Aufforderung Nachdruck zu verleihen. Unbeeindruckt davon habe Martin M. den Motor aufheulen, die Reifen quietschen lassen, bevor er mit Vollgas losfuhr. Der vor ihm stehende Beamte habe sich noch gerade so wegdrehen können.

"Warum diese Reaktion?", fragt der Richter. "Ich habe Panik bekommen", antwortet der Angeklagte, der an dem besagten Sonnabend-Nachmittag wieder auf die B5 in Richtung Magdeburg floh. "Was haben Sie in diesem Moment gedacht?", fragt Thomas Rehbein. "Nur, schiete...", so Martin M., der damals aus Panik vier Kilometer durch den Verkehr raste. Wieder weit über 100 Sachen auf dem Tacho, mit riskanten Überholmanövern. "Haben Sie mal darüber nachgedacht, was alles hätte passieren können", fragt der Richter.

"Ich hatte Angst vor dem Gefängnis"

Martin M. schießen die Tränen in die Augen, er reibt sich mit den Händen das Gesicht. "Ich hatte schon Angst, dass was passiert", schluchzt der 26-Jährige. "Aber auch Angst vor dem Gefängnis." Denn der junge Mann, der im Heim groß geworden ist - die Mutter verstorben, der Vater Alkoholiker - wurde schon im November 2011 wegen eines ähnlichen Verstoßes verurteilt. Zu zwei Jahren Freiheitsstrafe auf Bewährung. Einbruch, mehrere Diebstähle, Körperverletzung, und eben Fahren ohne Führerschein einhergehend mit Verstoß gegen das Pflichtversicherungsgesetz.

Wie am 12. November 2011, als Martin M. schließlich scharf bremsen musste, bevor er in die B 191 abbog. Dabei raste er über eine Verkehrsinsel und rollte mit dem beschädigten Auto weiter, bis er schließlich auf der Straße stehenblieb. "Ich hab mich sofort auf den Boden gelegt. Die Beamten haben mich ein bißchen getreten", schluchzt der Schweriner weiter, "und den Kopf ins Gras gedrückt." In Handschellen gings aufs Revier, einen Tag später zum Amtsgericht, wo der Haftbefehl erlassen wurde.

Mehrere Zeugen werden noch vernommen, malen die Situation auf, schauen sich die Polizeivideos zum Fall an. Und auch der Bericht der Bewährungshelferin ist niederschmetternd: Martin M. sei unausgeglichen und unzuverlässig, nehme Termine nicht wahr. Dennoch wolle der 26-Jähige sein Leben in den Griff bekommen, für seine kleine Familie sorgen und nach der Erziehungszeit den Hauptschulabschluss machen. Martin M. weint bei der Verlesung.

Das Urteil: ein Jahr und sechs Monate Freiheitsstrafe. Einschlägige Vorstrafen, das Rückfallverhalten, Bewährungsversager - Gründe für den Richter, die gegen eine erneute Bewährungsstrafe sprechen. Martin M. verlässt den Saal. Stille im Warteraum zwischen der kleinen Familie, die jetzt eineinhalb Jahre getrennt sein wird.

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