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WALG Zühr : „Ich bin an diesem Job gewachsen“

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Aus der Redaktion des Hagenower Kreisblatt

Fränze Wüst (19) absolviert derzeit ein Freiwilliges Soziales Jahr in der WALG Zühr und will ab Oktober Psychologie in Berlin studieren

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erstellt am 17.Aug.2017 | 12:00 Uhr

Die junge Frau aus Dreilützow will in ihrem Freiwilligen Sozialen Jahr vor allem herausfinden, wie der Mensch tickt. Was prägen Charakter, Verhalten und Persönlichkeit, wie werden wir zu dem, was wir letztlich sind?

„Ich denke, die letzten elf Monate waren ein großer Gewinn für mich und die Bewohner der Wohn-, Arbeits- und LebensGemeinschaft“, resümiert Fränze Wüst im SVZ-Gespräch. Des Schulbankdrückens bis zum Abitur müde geworden, habe sie sich im letzten Jahr Anfang Oktober für die Praxis entschieden, sagt die 19-Jährige, die aus Dreilützow kommt. Zwar habe sie als „Küken“ unter überwiegend erwachsenen Männern schon einen gewissen „Bammel“ gehabt, gesteht die FSJ-lerin, doch die Ängste seien völlig unbegründet gewesen, lacht sie heute. „Ich wurde sehr schnell respektiert, gehe offen mit allen um und habe keine Berührungsängste“, sagt Fränze Wüst selbstbewusst. Mit „allen“ sind die 37 Frauen und Männer gemeint, die ins gesellschaftliche Abseits geraten sind, durch Obdachlosigkeit, Isolation und Verlust, die jedoch motiviert sind, an ihrem Leben etwas zu verändern. Es sind Menschen, deren Schwächen dazu geführt haben, dass die Anforderungen und Konflikte des Alltages von ihnen nicht mehr bewältigt werden können. Abstinenz, Gewaltfreiheit und Mitarbeit sind die drei Konstanten, ohne die eine Rückkehr ins Leben nicht möglich ist.

„Viele kommen aus schwierigen Familienverhältnissen. Da sind Lebensgeschichten dabei, die mich echt schockiert haben. Ich bin froh und dankbar, ein stabiles und liebevolles Elternhaus zu haben“, betont die angehende Studentin, die sich ab Oktober in Berlin in sechs Semestern die unendlichen Weiten der Psychologie erwandern will. „Ich bin an diesem Job gewachsen. Er hat mir aber auch mit den unterschiedlichen Lebensschicksalen gezeigt, wie schnell der soziale Abstieg passieren kann.“

Für Fränze Wüst ist eine von vielen wertvollen Erkenntnissen, die sie in Zühr sammeln durfte, folgende: „Ganz wichtig ist, dass man die Freude am Leben nicht verliert, dass man sich nicht aufgeben darf. Wer kämpft, kann verlieren. Doch wer gar nicht kämpft, hat schon verloren“, erklärt sie, die jedem jungen Menschen einen solchen Ausflug in die Realität empfehlen würde. Sie selbst habe sich bereits um eine Nachfolge für sich gekümmert, verrät sie gegenüber der Redaktion. Am kommenden Montag komme bereits ein junger Mensch zum Reinschnuppern.

„Für uns sind FSJ-ler ein Riesengewinn. Fränze ganz besonders, weil sie ein Gespür für Menschen und Situationen hat. Ihre zupackende Art gefällt uns allen“, lobt Gerlind Abramowski. Die 61-Jährige leitet seit etwa 17 Jahren die Freiwilligen an und ist deren wichtigste Bezugsperson. In Zühr, wo in erster Linie die Lebensgeschichte und nicht die Diagnose entscheidet, arbeitet die Diplom-Sozialarbeiterin bereits seit 1993. Die Einrichtung ist übrigens in Trägerschaft der Caritas Mecklenburg e. V.. „Besonders freut uns, dass sich Fränze sogar noch um eine Nachfolge gekümmert hat. So etwas ist selten“, erwähnt Gerlind Abramowski.

Die so Gelobte steht daneben und genießt sichtlich die anerkennenden Worte. Vor allem jetzt, kurz vor der Ziellinie. Denn sie hat unter anderem die Bewohner nicht nur in den Arbeitsbereichen begleitet, sondern auch die Freizeit organisiert, egal, ob Sport, Ausflüge, Feste und Hobbies. Und die Dreilützowerin hat vor allem in dem letzten Dreivierteljahr eines verstanden und verinnerlicht: Nämlich, dass wir an Niederlagen wachsen können, ein anderes Bewusstsein für unsere Schwächen brauchen, ein gestecktes Ziel zu verfehlen, nicht das Ende darstellt, und es auch keine Schande ist, hinzufallen. Liegenbleiben aber schon.

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