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Integration fehlgeschlagen? : Hunderte Flüchtlinge auf dem Dorf

vom
Aus der Redaktion des Hagenower Kreisblatt

Immer mehr Asylsuchende werden in kleine Gemeinden gesteckt. Fehlende Infrastruktur macht Integration immer komplizierter.

svz.de von
erstellt am 10.Dez.2015 | 08:00 Uhr

Da stehen sie, mitten im Nirgendwo. Eine Gruppe junger Männer und Frauen sucht an der Bundesstraße 5 zwischen Pritzier und Vellahn nach dem Weg in die Zivilisation, zu einem Supermarkt. Es sind einige der rund 200 Flüchtlinge, die vor rund drei Wochen in Schwechow in einer dezentralen Unterkunft untergebracht wurden.

Schwechow ist ein Ortsteil der 435 Einwohner großen Seelengemeinde Pritzier. Einkaufsmöglichkeiten gibt es hier nicht. Die Buslinie nach Hagenow und Vellahn fährt von Schwechow nur eingeschränkt, deckt hauptsächlich den Schulverkehr ab. „Für die Leute vor Ort ist das eine Katastrophe“, weiß Kerstin Finger, Teamleiterin der Ausländerberatung vom Awo Kreisverband Ludwigslust e.V., die die Asylsuchenden mit ihrem Team vor Ort berät und unterstützt. Die Flüchtlinge in dezentralen Unterkünften seien größtenteils auf sich gestellt, für ihre Versorgung selbst verantwortlich. „Eine Kantine oder ähnliches gibt es für sie nicht. Die Leute müssen sich selbst verpflegen.“ Geeignete Wohnungen und Unterkunftsmöglichkeiten in großen Städten oder in Orten mit guter Infrastruktur stehen zur Zeit nicht zur Verfügung. „Wohnungen zum Beispiel direkt neben einer Schule gibt es nicht“, so die Betreuerin.

Andreas Bonin, der Sprecher des Landkreises Ludwigslust-Parchim, sieht in dem Fall Schwechow kein Problem. Es hätte das Angebot durch den Vermieter gegeben, die Wohnungen seien in einem guten Zustand gewesen und außerdem gäbe es auch eine Busverbindung. Angesichts der Situation, nahezu täglich viele Flüchtlinge unterbringen zu müssen, sei es völlig normal, auch diese Angebote wahrzunehmen. Man müsse den leer stehenden Wohnraum dort nutzen, wo er zu finden sei. Der Landkreis habe schon vor Wochen in einem Pressegespräch bestätigt, dass er in Sachen Wohnungen für Flüchtlinge mit allen nur denkbaren Anbietern im Landkreis in Verbindung sei. Hierzu gebe es extra einen Fachbereich, der sich um die Unterbringung der Asylbewerber kümmere.

Für die untergebrachten Flüchtlinge in Schwechow bedeutet das, bei Wind und Wetter die rund sieben Kilometer bis nach Vellahn zu Fuß auf sich zu nehmen, wenn der Bus nicht fährt. „Das ist ein riesen Problem“, erzählt auch Pritziers Bürgermeister Thomas Witt. Die Männer und Frauen gehen direkt an der viel befahrenen Bundesstraße, meist in der Dämmerung und bei schlechter Sicht. Einen separaten Radweg gibt es nicht, die Flüchtlinge laufen ihren rund zwei Stunden langen Fußmarsch nach Vellahn im Straßengraben oder auf dem Feld. Eine bessere Busverbindung gebe es nach Hagenow. Doch auch hier gehen die Asylsuchenden lieber zu Fuß. „Viele Geschäfte haben bis 20 Uhr oder länger auf“, so der Bürgermeister weiter. Und so komme es vor, dass auch noch abends gegen halb zehn die Asylbewerber auf den dunklen Straßen unterwegs seien.

„Es gibt keinen Ausweg für das Problem der Unterbringung“, sagt Kerstin Finger. Aber es gebe schon viele Orte, in denen gezeigt werde, wie Integration auf dem Land funktionieren kann. „Hier bilden ehrenamtliche Helfer Fahrgemeinschaften oder sammeln Fahrräder, um sie dann an die Leute zu verleihen. Und wenn sich dann noch jemand ehrenamtlich um die Reparatur kümmert, ist vielen geholfen“, so Kerstin Finger. Sinnvoll wären auch Sicherheitswesten für die Flüchtlinge, damit sie im Straßenverkehr besser und schneller sichtbar sind. „Die Westen kosten nur einige Euro und es wäre schön, wenn Westen für Schwechow gesammelt werden, dann wären wir alle schon einen Schritt weiter.“

Alles rund um die aktuelle Flüchtlingsdebatte lesen Sie in unserem Dossier.

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