Bresegard bei Picher : Hof-Traum mit Tieren und Tango

„Mathilda“ muss für ihre Daseinsberechtigung nicht mehr Milch liefern. Auf dem Hof Birkenkamp am Plüter 1 von Jenny Dietel darf sie einfach nur Kuh sein.
„Mathilda“ muss für ihre Daseinsberechtigung nicht mehr Milch liefern. Auf dem Hof Birkenkamp am Plüter 1 von Jenny Dietel darf sie einfach nur Kuh sein.

Münchnerin und Biologin Jenny Dietel hat in Bresegard bei Picher ihren Sehnsuchtslebensmittelpunkt gefunden

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15. Februar 2018, 05:00 Uhr

Sie beackert ihren Hof Birkenkamp streng ökologisch, hält Kuh „Mathilda“ und Jungochsen „Benjamin “, 39 Hühner, allesamt aus Käfigbatterien befreit, zwei in letzter Sekunde vor der Schlachtung gerettete Puten sowie vier aus miserabler Haltung erlöste Schafe. Alles im Einklang mit der Natur, die gleich vor dem Grundstückstor darauf wartet, von der gebürtigen Münchnerin Jenny Dietel entdeckt zu werden.

„Ich schreibe zur Zeit meine Doktorarbeit zum Thema ,Schutz und Ökologie heimischer Orchideen’. In Deutschland gibt es rund 270 Arten, weltweit sind es sogar 33 000“, verrät die 29-jährige Biologin. Und ist felsenfest davon überzeugt: Nicht sie habe zusammen mit ihrem Mann André, einem IT-Fachmann, das Gehöft gefunden, sondern der in den letzten Jahren doch recht glücklose Hof habe sich für sie, das Ehepaar aus der Fremde entschieden. „Ganz dicht vor der Tür wächst nämlich genau die Orchideenart, mit der ich auch wissenschaftlich arbeite.“ Das könne doch wohl kein Zufall sein, sagt die junge Frau, die sich auch zur Landwirtin mit Meisterprüfung habe ausbilden lassen. Über die Abendschule, mit ganz viel Fleiß und noch mehr Ehrgeiz.

„Ich bin direkt in München aufgewachsen und hatte immer ganz viel Sehnsucht nach Landleben und unberührter Natur“, erinnert sich Jenny Dietel nachsinnend lächelnd im SVZ-Gespräch bei einem Pott Kaffee in der gemütlich warmen Stube. „Als ich das allererste Mal hier war, habe ich mich Hals über Kopf in den Hof, die abwechslungsreichen Wälder und den Ort verliebt.“ Die zum Anwesen gehörenden sechs Hektar Land nähren bei der Wahl-Bresegarderin den Wunsch, sich noch tiefer in das Leben einer Bäuerin reinzuknien. „Ich will demnächst noch sechs Alpakas anschaffen.“ Kürzlich habe sie sich selbstständig gemacht mit der Beratung in allen Naturschutzfragen inklusive Vorträgen und Schulungen. Naturführungen, Kräuterwanderungen, Spinnkurse sowie Unternehmungen mit den Alpakas stehen desweiteren auf der Liste. „Patenschaften für unsere Tiere, die alle gerettet worden sind, biete ich auch an, ebenso Wollpatenschaften. Wir planen auch einen Laden für regionale Waren im alten Schweinestall. Unser Hof soll mal ein Begegnungsort für Menschen werden, offen für Gespräche, Kunst und Handwerk“, erklärt Jenny Dietel, die sich selbst auch gern als Glasbläserin ausprobiert. Handgemachter Schmuck und kleiner Zierrat, alles aus Altglas, künden von einem kreativen Händchen. Sie lasse sich in keine Schublade pressen, bekräftigt die junge Frau, die auch mit Bohrmaschine und Motorkettensäge umzugehen versteht. Demnächst wolle sie auch noch Schweißen lernen. Das alles müsse man schließlich können, wenn man einen eigenen Hof bewirtschafte, ist Jenny Dietel überzeugt.

Ein Engagement, dass Bürgermeisterin Dr. Marianne Röckseisen wohlwollend zur Kenntnis nimmt. „Ich freue mich über solche Zuzüge von Menschen, die sich in unserem Dorf einbringen wollen.“ Zumal der aktuelle verbriefte Einwohnerschwund bis zum Jahre 2016 schon schmerzlich zur Kenntnis genommen werden musste. „Damals waren wir 288 Bewohner, vorher über 300. Deshalb ist schön, wenn sich gerade junge Paare unseren Ort als Wohnsitz wählen. Und jeder hat es schließlich mit in der Hand, ob er in der Gemeinschaft Anschluss findet.“ Dass sie auch Tango-Turniere bestreite, erwähnt die schlanke Frau mit dem Porzellan-Teint fast nur am Rande gegenüber der Redaktion. „Standard und Latein tanze ich am liebsten. Beim Tango Argentino habe ich auch damals meinen Mann kennengelernt. Er kommt übrigens aus Chemnitz.“ Tanz bedeute für sie, Nähe zuzulassen und sich auf Menschen einzulassen. „Ihnen vor allem zu vertrauen. Ich tanze deshalb auch gern mit geschlossenen Augen“, verrät die an Mecklenburg sehr stark Interessierte. Und gesteht schließlich: „Ja, ich habe hier mein stilles Glück gefunden und bin dabei, alle Träume zu verwirklichen. Man muss nicht erst auswandern, um das zu tun.“

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