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Hagenow / Ludwigslust : Hilfe über den eigenen Tod hinaus

vom
Aus der Redaktion des Hagenower Kreisblatt

Westmecklenburg-Klinikum kooperiert erfolgreich mit Rostocker Spezialisten für Gewebespenden, um Kranken zu helfen

von
erstellt am 23.Aug.2017 | 21:00 Uhr

Immer, wenn in den beiden Krankenhäusern jemand stirbt, gibt es seit kurzem eine automatische Information nach Rostock. Dort sitzt die Gesellschaft für Transplantationsmedizin (GTM-V). Kein Name wird da übermittelt, keine Nummer weitergegeben, nur die Tatsache, dass jemand gestorben ist. Die Rostocker Spezialisten rufen dann schnell zurück und überprüfen, ob wirklich jemand gestorben ist. Erst dann wird ein Verfahren in Gang gesetzt, das zwar dem Toten nicht mehr hilft, Lebenden dagegen sehr. Es geht in diesen Fällen um Gewebespenden, nicht um Organe.

Formal handelt es sich um die postmortale Spende, also die Entnahme von Augenhornhäuten, Knochen, Sehnen, Haut, Herzklappen und Blutgefäßen nach dem Tod. Ein hochsensibles Thema für Ärzte und Angehörige, wie Oberarzt Dr. Karsten Matheja aus Erfahrung weiß. Er ist der Beauftragte des Klinikums Westmecklenburg für diesen Bereich. Die Kooperation mit der Rostocker Gesellschaft gibt es erst seit Juni 2017. Jetzt sind erste Ergebnisse vorgestellt worden.

„Es läuft, wir haben langsam begonnen und inzwischen sind wir bei ein bis zwei Fällen im Monat, wo es tatsächlich zu Gewebeentnahmen kommt.“ Rein gesetzlich sind die Krankenhäuser zu diesen Kooperationen verpflichtet. Doch hier vor Ort ist man froh, mit der gemeinnützigen Gesellschaft einen Partner aus dem Land gefunden zu haben. Matheja: „Wir kennen die Kollegen schon viele Jahre, da herrscht Vertrauen. Und das ist bei diesem Thema besonders wichtig.“

Spenden, das ist normalerweise eine Sache für die großen Krankenhäuser mit neurochirurgischen Abteilungen. Doch auch bei den kleineren Häusern ist bei diesem wichtigen Thema viel zu erreichen. Ohne den Willen des Verstorbenen und auch ohne die Zustimmung der Angehörigen passiert nichts. „Pietät ist ein ganz wichtiger Aspekt, daher können wir auch als Krankenhaus entscheiden, ob wir den Namen des Verstorbenen wirklich weitergeben. Es gibt auch Fälle, da sind die Angehörigen so betroffen, dass man das Thema Spende nicht ansprechen sollte. Wir respektieren das“, so Matheja.

 

Nur jeder vierte Bundesbürger besitzt einen Organspendeausweis.
Nur jeder vierte Bundesbürger besitzt einen Organspendeausweis.
 

Dabei ist der Bedarf an Spenden bei den Lebenden riesig. „Die Wartezeiten beim Ersatz einer Augenhornhaut liegen bei ca. drei Monaten, bei kardiovaskulären Geweben, also Herzklappen und Gefäßen, ist es ähnlich“, sagte der Geschäftsführende Arzt der GTM-V, der Rostocker Dr. Frank-Peter Nitschke. „Noch immer müssen Gewebetransplantate aus dem Ausland importiert werden. Von den jährlich etwa 8 000 Hornhauttransplantationen in Deutschland werden rund 1000 durch Spenden aus dem Ausland abgedeckt. Im Notfall kann das Fehlen von geeignetem Spendergewebe auch tödlich enden oder zu einer dauerhaften Verschlechterung der Lebensqualität führen. Das muss nicht sein, das wollen wir mit unserem wachsenden Netzwerk ändern“, so Nitschke.

Ideal ist in allen Fällen, wenn der Verstorbene seinen Willen schon zu Lebzeiten klar geäußert hat und die nächsten Verwandten auch davon wissen. „Es nützt uns nichts, wenn der Betroffene seinen Ausweis heimlich ausgefüllt hat. Denn wenn die Verwandten dann doch ,Nein’ sagen, gilt das. Obwohl wir es juristisch dürften“, so der Hagenower Oberarzt, der selbst auch Organspender ist.

Menschenwürde auch im Tod, das gelte auch für die Entnahme selbst. „Für die Entnahme kommen die Rostocker Spezialisten, das machen keine Ärzte aus den Krankenhäusern. Und der Tote wird später immer so hergerichtet, dass ein würdevoller Abschied möglich ist.“ Bisher, das ist Meinung in Hagenow, habe alles gut geklappt, es sei zu keinen Pannen gekommen. Das wäre der Fall, wenn die Angehörigen von den Spendenspezialisten angerufen würden, ohne zu wissen, dass ihr Verwandter gestorben sei.

Regeln kann man alles, von der Organspende bis hin zu den Körperteilen, die man für eine Spende freigibt. Oder auch sperrt. Matheja, der auch passionierter Motorradfahrer ist, wirbt auch außerhalb der Krankenhauses für den Spendengedanken. „Junge Leute sind da erstaunlich offen. Ich erinnere mich an einen Vortrag, wo ein junges Mädchen gestand, sich eine Augenspende vorstellen zu können. Nur ihr Herz, das gehöre ihr. Sie war frisch verliebt.“

Zeit ist ein hohes Gut bei den Gewebespenden. Hornhäute kann man bis zu 72 Stunden nach dem Tod entnehmen, bei Gefäßen oder Herzklappen muss es deutlich schneller gehen. Trotzdem soll niemand gedrängt werden. Im Zweifelsfall werde eben nicht entnommen, so Matheja. Denn die beiden Krankenhäuser sind Teil eines großen Verbundes, der mit dem Rostocker Verein zusammenarbeitet.

Das Netzwerk an kooperierenden Kliniken besteht vor allem aus Krankenhäusern der Grund- und Regelversorgung in Mecklenburg-Vorpommern. Die größte Einrichtung ist das Klinikum Südstadt in Rostock. „Die moderne Gewebemedizin wird dazu führen, dass auch kleinere Häuser künftig stärker am Fortschritt innovativer Transplantate teilhaben werden, vor allem in der Versorgung chronischer Wunden, aber auch in der Kardiologie“, so Dr. Axel Manecke von der Rostocker Gesellschaft.

 

 

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