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Hagenower Kreisblatt

17. November 2017 | 22:15 Uhr

Valluhn : Heimkehr nach Jahren der Walz

vom
Aus der Redaktion des Hagenower Kreisblatt

Fünf Jahre war der 27-jährige Robert Rheinschmitt auf der Walz - jetzt kam er nach Hause

von
erstellt am 28.Feb.2017 | 11:55 Uhr

Es war ein regelrechtes Spektakel, die Heimkehr des Robert Rheinschmitt, eine Werbung für die Walz und ein Beweis für die beruflichen Möglichkeiten, die junge Leute heutzutage haben. Die halbe Valluhner Gemeinde war auf den Beinen, als die 27 Gesellen aus ganz Deutschland gemeinsam mit dem „Jungen“ vom Schimmelhof die letzte Etappe von Valluhn aus auf sich nahmen.

Vor fünf Jahren, exakt am 2. März 2012, war der damals 22-jährige Robert losgezogen, auf Wanderschaft, als freier Zimmerer und doch schon mit einem Plan. Jahrelang zog er von Projekt zu Projekt durch ganz Europa, immer auf Empfehlung, fast immer von Freunden und Weggefährten umgeben. Mindestens sechs Wochen, höchstens sechs Monate, so sind die Vorgaben. Er hat in der Zeit so gut wie alles gebaut, ausprobiert und erlebt, was man als junger Zimmerer so erleben kann. Er hat gefeiert, hart gearbeitet, in Norwegen seine Freundin Marita kennengelernt, und jetzt kam er symbolisch heim von der Walz.

Dass das alles so ging, hat mit dem Schacht „Rechtschaffende Fremde“ zu tun. Die Schächte sind Vereinigungen von Gesellen auf der Wanderschaft, im konkreten Fall war es die „Gesellschaft der rechtschaffenen fremden Zimmerer- und Schieferdeckergesellen“. Die war fünf Jahre lang Roberts Bezugspunkt, Heimat und Ratgeber. An den 52 Treffpunkten der Rechtschaffenden in ganz Europa bekam er die Informationen über neue Jobs, Unterkünfte, gute Arbeitgeber. Denn ein Handy hatte Robert in den fünf Jahren nicht. „Meine Familie habe ich nur erreicht, wenn ich bei einem der Treffpunkte war oder mal eine Telefonzelle gefunden habe“, bekennt er. Und man merkt ihm an, wie intensiv und prägend die Zeit war. Erst ging es nach Hamburg, dann kam Kiel und schließlich der erste Auslandsjob in Tschechien. Bis nach Namibia führte ihn schließlich die Walz. „Dort haben wir Runddächer gebaut. Es ist schon ein geiles Gefühl, wenn du in Nordnamibia stehst, rüber nach Angola guckst und siehst, wie die Krokodile dort fressen.“ Er musste damals nicht vom Hof, seine Entscheidung für die Walz war eine freiwillige.

Die Rechtschaffenden Fremden sind es dann auch, die seine letzte Etappe bestimmen. Vom Haus von Oma Helga in Valluhn bis zum Schimmelhof ist es eigentlich nicht weit. Doch die 27 wilden Gesellen drehten auf ihrem Marsch endlose Runden, sangen Lieder und Sprüche, erzählten von ihren gemeinsamen Erlebnissen mit Robert. Die Jungs, die zuvor die Biervorräte von Helga Rheinschmitt auf null gefahren hatten, veranstalteten regelrechte Straßensperren. Währenddessen warten gut 100 Gäste, Freunde, die ganze Familie bei eiskaltem Wind und Regen darauf, dass die Gesellen nun endlich ankommen wollten. Das taten sie dann irgendwann auch. Und so konnte die von den Eltern Susann und Christian liebevoll vorbereitete Rückkehrfeier in dem extra vorbereiteten Schweinestall endlich starten. Emotionaler Höhepunkt der illustren Runde mit vielen Gästen aus dem In- und Ausland war dann die Übergabe der Taschenuhr von 1902 des Ururopas an Robert. Wilhelm Rheinschmitt war Schneider und während seiner Wanderschaft von der Schweiz über den Schwarzwald nach Hamburg gekommen. Robert nahm die kostbare Uhr sichtlich gerührt in seinen Besitz.

Tradition wird in der Familie groß geschrieben, das bezeugte die andere Oma von Robert Rheinschmitt, Erika Brockmüller. Ihr Enkel hat im Haus einen Ehrenplatz mit Foto und einem extra gewidmeten Lied. Was fehlte war das Foto der Heimkehr. Diese Lücke kann nun geschlossen werden. Doch zugleich wird eine neue gerissen, denn Robert wird nicht lange auf dem Schimmelhof bleiben. Sein Lebensmittelpunkt ist nun Bergen in Norwegen. Dorthin wird er mit seiner Partnerin zurückkehren. Und dort lässt es sich als Zimmerer im übrigen deutlich besser verdienen als in Deutschland. Robert weiß das, er kann vergleichen. Und so mischte sich in die ausgelassene Feierstimmung auch die traurige Gewissheit, dass der nächste Abschied bald nahen wird.

Hintergründe zur Walz
„Die Wahrheit zu sagen. Versprechen zu halten. Die Verantwortung für persönliche Fehler übernehmen, im Beruf und täglichen Leben. Zu sein, wer man zu sein behauptet, zu tun, was man zu tun ankündigt. Das sind die Tugenden der Rechtschaffenheit.“ So lautet der Leitspruch der Rechtschaffenden Fremden.  Wer auf die Walz geht, die mindestens drei Jahre dauert, kann sich einem Schacht (Vereinigung) anschließen oder als Freireisender unterwegs sein. Man muss  den Gesellenbrief in der Tasche haben, unverheiratet, schuldenfrei und jünger als 30 Jahre alt sein. Wandergesellen dürfen keine Kommunikationsgeräte mitnehmen, nur Papier und Stift. Laptop und Handy sind tabu. Für Kost und Logis darf der Reisende kein Geld ausgeben und sich seinem Heimatort nicht weiter als 50 Kilometer nähern.

 

 

 

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