Hebammen: Existenz bleibt unsicher

<strong>Sie liebt ihren Job: Die Hagenower Hebamme</strong> Benita Dähn (r.) rechnet am Jahresende ab. Wenn sie durch die steigende Berufshaftplicht nur noch Einbußen verzeichnet, muss sie schauen, wie es weitergeht. Die dreifache Mutter Stefanie Oldag möchte ihre Hebamme nicht mehr missen. Sie schätzt die intensive Betreuung vor, während und nach der Geburt. <foto>nien</foto>
Sie liebt ihren Job: Die Hagenower Hebamme Benita Dähn (r.) rechnet am Jahresende ab. Wenn sie durch die steigende Berufshaftplicht nur noch Einbußen verzeichnet, muss sie schauen, wie es weitergeht. Die dreifache Mutter Stefanie Oldag möchte ihre Hebamme nicht mehr missen. Sie schätzt die intensive Betreuung vor, während und nach der Geburt. nien

Aufgeben kommt nicht in Frage. Solange es geht will Hebamme Benita Dähn aus Hagenow weitermachen. Abgerechnet werde im Dezember. Denn die drastische Beitragserhöhung für die Berufshaftpflicht bleibt eine Gefahr.

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24. Juli 2012, 09:50 Uhr

Hagenow | Aufgeben kommt nicht in Frage. Solange es geht will Hebamme Benita Dähn aus Hagenow weitermachen. Abgerechnet werde im Dezember. Denn obwohl die drastische Beitragserhöhung für die Berufshaftpflicht durch die nachgeschobene Lohnerhöhung etwas abgepuffert wurde, bleibe die ständig steigende Prämie eine Gefahr, so Benita Dähn. "Das Grundproblem ist damit nicht gelöst. Die Unterbezahlung der Hebammen bleibt", so die 29-Jährige. Wenn am Ende des Jahres nur noch Einbußen zu verzeichnen sind, muss die freiberufliche Hebamme schauen, wie es weitergeht. Würde sie aufgeben, wäre das tragisch für die Mütter der Region.

Wie für Stefanie Oldag aus Groß Krams. Sie genießt diese intensive Betreuung vor, während und nach der Geburt. "Ich möchte das nicht missen", sagt die junge Frau beim ersten Vorgespräch in der Praxis in der Langen Straße. Die 27-Jährige trägt ihr drittes Kind im Bauch und kennt Benita Dähn schon von der letzten Schwangerschaft. "Das Verhältnis ist enger", vergleicht sie mit einer Klinikhebamme. Sanft tastet Benita Dähn den Bauch der werdenden Mutter ab. "Alles super. Der Kopf liegt unten. Ein schöner Bauch", sagt die Hebamme, lächelt und misst gleich noch die Herztöne. Sie streichelt die Haut. Dieser erste Kontakt sei wichtig, um ein Gespür für Mutter und Kind zu bekommen. Wie liegt das Baby, wie groß ist es - alles Indizien für den Verlauf von Schwangerschaft und Geburt.

Seit 2006 ist die gelernte Krankenschwester freiberufliche Hebamme, seit 2008 in der Langen Straße. Nach der Ausbildung in der Hagenower Klinik und dem Examen geht es an die Hebammenschule, danach nochmal nach Halle in eine große Klinik. Aber "ich wollte es individueller", sagt Benita Dähn, die schließlich den Schritt in die Selbstständigkeit wagt. In ihrer Praxis mit den alten schiefen Balken liegen Sitzsäcke, ausgerollte Matten. In der Ecke ein Bett für die Untersuchungen. "Ich mag die urigen Räume. Das macht’s gemütlich", schwärmt die junge Geburtshelferin. "Eine Schwangerschaft ist schließlich keine Krankheit", begründet sie. Alles sei genauso, wie sie es sich gewünscht hat.

Wäre da nicht die finanzielle Sache. Mit 1500 Euro Jahresprämie für die Versicherung fängt sie 2007 an. Jetzt muss sie 4200 Euro abdrücken. Damit hat sich der Beitrag für die Geburtshilfe seit 1992 um einiges vervielfacht: Damals lag der Jahressatz noch bei 179 Euro. Dass sie sich in ihrem Berufsstand absichern muss, ist der Hagenowerin klar. "Geburtshilfe ist eben nicht planbar. Da können immer Ansprüche auf einen zukommen." Aber das sei schon viel zu stemmen, was da jetzt auf die Hebammen zukomme. Und ein Ende sei nicht in Sicht. Denn es vergehe kaum ein Jahr, in dem es keine Erhöhung gebe.

Diese Situation beunruhigt auch die Mütter. "Ich werde oft angesprochen", sagt Benita Dähn. Auch Stefanie Oldag macht sich darüber Gedanken. "Ich könnte mir schlecht vorstellen, auf Benita zu verzichten. Sie kennt meine Wünsche und stellt sich auf mich ein." Etwa sieben Frauen betreut sie im Monat, drei zur Entbindung. 40 Geburten müsste sie aber mindestens im Jahr begleiten, um die jetzige Prämienerhöhung rauszuhaben. "Mehr Geburten, mehr Frauen. Damit wird auch die individuelle Betreuung abgeschwächt", bedauert Benita Dähn. Dabei würde gerade das ihren Job ausmachen. "Wenn Frauen Vertrauen haben, öffnen sie sich, sind entspannter." Damit unterstützen Hebammen natürliche und komplikationsarme Geburten, "was wiederum für die Krankenkassen günstiger ist". Deshalb wünscht sich die Hebamme, dass die Kassen künftig mehr übernehmen, um sie und ihre Kolleginnen mit einem Durchschnittseinkommen von 24 000 Euro im Jahr zu entlasten.

Das Vorgespräch mit Stefanie Oldag ist zu Ende. Im Oktober steht die Geburt an. "Melde dich, wenn du Sorgen hast", sagt Benita Dähn zum Abschied. "Wenn es mit dem Ischias weiter Probleme gibt, zeige ich dir noch Übungen. Ansonsten sehen wir uns vier Wochen vor der Geburt wieder." Wenn sie die nicht mehr begleiten könnte, weil sie sich die Berufshaftpflicht dafür nicht mehr leisten kann, "wäre das sehr schade. Denn gerade die Geburten sind das Herzblut."

Benita Dähn bleibt aber optimistisch. "Das ist mein Gemüt." Und sie setzt dabei weiter auf den Kampf und die Pionierarbeit der drei Berufsverbände, die in ganz Deutschland für die weitere Existenz der Hebammen und deren Rechte auf die Straßen gehen.

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