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35. Wirtschaftstag der Volksbank : „Großes Glück eines Zeitfensters“

vom
Aus der Redaktion des Hagenower Kreisblatt

Horst Teltschik zieht Bilanz nach 25 Jahren deutscher Einheit

von
erstellt am 27.Okt.2015 | 13:12 Uhr

„Beim Blick auf die neuen Bundesländer steht immer wieder die Angleichung der Lebensverhältnisse im Fokus. Aber niemand spricht davon, dass wir in ganz Deutschland völlige Gleichheit erreicht haben bei Rechten und Freiheiten: Redefreiheit, Pressefreiheit, Reisefreiheit, Versammlungsfreiheit“, erinnert Horst Teltschik die rund 600 Besucher in der Winsener Stadthalle. Die Volksbank Lüneburger Heide eG hatte zum 35. Wirtschaftstag eingeladen und mit Horst Teltschik einen wichtigen Zeitzeugen, Gestalter und mitreißenden Redner gewonnen.

Bei ihrem ersten Wirtschaftstag 1981 hatte die Volksbank den Fernsehjournalisten Friedrich Nowottny zu Gast. Ihm folgten renommierte Sprecher aus den Medien, der Politik, Wirtschaft und Wissenschaft.

Horst Teltschik war in jenen aufgewühlten Jahren als Vize-Kanzleramtschef, enger Berater und Sonderbeauftragter von Bundeskanzler Helmut Kohl mittendrin im Geschehen und hat die Entwicklung an entscheidender Stelle mitgestaltet. Sein Rückblick ist nicht kühl-analytisch, sondern lebendig. Seine Zuhörer nimmt er mit zum Staatsbesuch bei Juri Andropow und imitiert die zittrigen Bewegungen des altersschwachen und kranken Generalsekretärs des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei (KPdSU). Wie nah man im Kalten Krieg vor dem Ausbruch bewaffneter Auseinandersetzung stand, schildert Teltschik aus seiner Perspektive als junger Bundeswehrsoldat. Mit seiner Einheit musste er Weihnachten und Silvester 1961/62 in der Kaserne verbringen, „voll mobilisiert, mit aufgetankten und munitionierten Panzern, um jederzeit ausrücken zu können“.


Gorbatschow hielt sich an seine Zusage


Die Entwicklung im Jahr 1989 sei von drei Faktoren begünstigt worden. In Polen habe die Gewerkschaft Solidarnosc unter Lech Walesa den friedlichen Wechsel eingeleitet. In Ungarn kündigten sich schon im Frühjahr freie Wahlen, Mehrparteiensystem und die Öffnung der Grenze zum Westen an. Und in der Sowjetunion hielt sich Präsident Gorbatschow an seine Zusage, sich hier wie dort nicht in die inneren Angelegenheiten der befreundeten Staaten einzumischen oder gar militärisch zu intervenieren.

Im Sommer und Herbst 1989 kamen dann über 250  000 DDR-Aussiedler in die Bundesrepublik. Damals habe in Deutschland erstaunlicherweise kaum einer daran gedacht, dass nun die „deutsche Frage“ – die nach der Wiedervereinigung – wieder auf dem Tisch sei. Der amerikanische Präsident George Bush sei da schon weiter gewesen: Bei seinem Deutschlandbesuch im Mai 1989 hatte er in Mainz das Ende der Teilung Europas in Ost und West beschworen und die Mauer als Beweis für das Scheitern des Kommunismus bezeichnet. Im Herbst formierte sich der Widerstand in der DDR, erstmals kam es zu Massendemonstrationen, und am 9. November fiel die Mauer.

„Das war keine Wende, das war eine friedliche Revolution“, so Teltschik. Er weilte damals mit Bundeskanzler Kohl in Polen, beide schafften es am 9. November doch noch nach Berlin. Eine Wiedervereinigung stand nicht zur Debatte. Hätte ihn damals jemand danach gefragt, so hätte er „vielleicht in fünf bis zehn Jahren“ geantwortet. Bekanntlich lag zwischen den beiden Ereignissen weniger als ein Jahr, genau 329 Tage – so auch der Titel des Buches von Teltschik, in dem er seine „Innenansichten der Einigung“ niedergeschrieben hat.

Erstmals sprach Helmut Kohl das Thema Wiedervereinigung in der so genannten 10-Punkte-Rede im Bundestag an. Mit dieser Rede habe sich Kohl als bedeutender Staatsmann profiliert, urteilte sein vormaliger politischer Gegenspieler Helmut Schmidt. Weder die Siegermächte noch Politiker in den eigenen Reihen waren über die Regierungserklärung informiert. Nach der Rede wurde aber sofort Kontakt mit den Partnern aufgenommen. Mit viel Entgegenkommen habe die Bundesregierung dem Westen die Angst vor einem wiedervereinten Deutschland nehmen können.


Viele Verträge mit Moskau geschlossen


Entscheidend aber seien die Gespräche mit der sowjetischen Führung gewesen. Die Bundesrepublik habe mit vielfältiger Unterstützung versucht, Moskau auf die Seite zu ziehen. Horst Teltschik verweist auf insgesamt 22 Verträge, die alleine im Jahr 1990 mit der Sowjetunion geschlossen wurden, Lebensmittel-Lieferungen, Kredite und später Gelder für den Truppenabzug. Bei allen Verhandlungen sei es aber darum gegangen, Gorbatschow nicht als Verlierer zu behandeln, sondern mit der Sowjetunion als Weltmacht auf Augenhöhe zu verhandeln.

Dass schließlich alles so schnell ging, lag nach Ansicht Teltschiks auch daran, dass alle Partner Zeit hatten, sich nahezu ausschließlich um die Wiedervereinigung zu kümmern. „In der Zeit der Verhandlungen gab es weltweit keinen einzigen anderen Konflikt, der die Aufmerksamkeit auf sich zog. Wir hatten das ungeheure Glück eines offenen Zeitfensters – und wir haben diese Chance genutzt.“

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