Stiepelse : Große Oper in kleiner Dorfkirche

Die „Dowlander“ aus Hamburg finden: „Stiepelse ist wie eine Sommerfrische“.  Fotos: Ingunn Wittkopf
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Die „Dowlander“ aus Hamburg finden: „Stiepelse ist wie eine Sommerfrische“. Fotos: Ingunn Wittkopf

Der John-Dowland-Chor aus Hamburg war zu einem Probenwochenende in der Marienkapelle in Stiepelse zu Gast

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05. Juli 2015, 16:23 Uhr

„Verführerisch ist nicht laut! Stellt euch vor, ihr habt lange grüne Haare bis zu den Knien und glitzernde Fischschuppen. Ihr wollt König Artus mit eurem Gesang in den Zauberwald locken.“ Etwas verunsichert schauen die Damen im Sopran ihren Chorleiter Steffen Wolf an. Doch seine Worte scheinen genau den richtigen Nerv getroffen zu haben, denn im nächsten Durchgang klingt ihr „Komm, komm!“ um so schmeichelnder und betörender. Neugierig stecken zwei Radtouristen ihre Köpfe zur offenen Tür herein und beschließen kurzerhand ihre Rast mit zauberhafter Musik zu verbringen.
Nymphen und Luftgeister, Könige und Ritter haben an diesem Nachmittag in der Stiepelser Marienkapelle ihr Quartier bezogen. Der John-Downland-Chor ist zu einem Probenwochenende aus Hamburg angereist, um an der Oper „King Arthur“ des englischen Barockkomponisten Henry Purcell zu arbeiten. „Die herrliche Landschaft hier an der Elbe inspiriert uns sehr. Die Marienkapelle ist ein wunderbarer Ort, um Musik zu machen. Der Aufenthalt in Stiepelse ist für uns einer der Höhepunkte im Jahr“, schwärmt Steffen Wolf, „Wir werden hier so gastfreundlich aufgenommen, das ist einfach toll! Und wahrscheinlich ist Purcells Oper die einzige in der Musikgeschichte, in der die Elbe erwähnt wird.“


Schon zum vierten Mal an der Elbe


Bereits zum vierten Mal ist der John-Dowland-Chor in Stiepelse zu Gast – den Kontakt hat ein Chormitglied hergestellt -, um in entspannter Atmosphäre sein aktuelles Projekt vorzubereiten. Dreißig Sänger im Alter zwischen 21 und 70 Jahren sind dabei. Alles Laien, wie die Mitglieder gerne betonen, die sich einmal wöchentlich zur Probe treffen. Entstanden ist der Chor, der nach dem englischen Lautenisten und Komponisten benannt ist, aus einem Volkshochschulkurs. „Wir sind eine ganz bunt gemischte Truppe. Ärzte, Künstler, Studenten, Rentner, Fahrradhändler – wir haben alles dabei“, erzählt Bassist Heinz Glässgen, ehemals Intendant des Senders Radio Bremen. Sein Kollege im Tenor Thomas Thielemann, Ex-Betriebsleiter eines großen Verlagshauses, ergänzt:“Der Spaß am gemeinsamen Singen ist das, was uns zusammenhält.“
Während in der Kapelle intensiv an Ausdruck und Intonation gefeilt wird, kämpft Pianistin Akiko Kasai mit ganz anderen Problemen: Im Amt Neuhaus gibt es eindeutig zu viele Elbstraßen. „Das Navi sagt:'Sie haben Ihr Ziel erreicht'. Aber hier ist doch gar nichts“, verzweifelt sie durchs Oberamt irrend fast am Telefon. Nach einer neuen Zieleingabe ins Navi ist das Ensemble komplett, Akiko Kasai übernimmt am E-Klavier virtuos den gesamten Orchesterpart der Oper.


Purcell komponierte die Oper im Jahr 1691


Eigentlich könnte man mit der Aufführung von „King Arthur“ ein ganzes Theaterhaus mit Solisten, Schauspielern, Tänzern, Chor, Kostümen und Dekorationen beschäftigen, denn Purcells Komposition aus dem Jahr 1691 um den sagenumwobenen König Artus ist in ihren Ausmaßen – Aufführungsdauer mit allen Dialogen: rund vier Stunden - durchaus mit den Stücken von William Shakespeare zu vergleichen. Die „Dowlander“ aus Hamburg kommen extrem überzeugend und mitreißend ohne all das aus, bringen Purcells Musik pur zu Gehör. Dass die in einer Oper üblichen Solistenparts von Chormitgliedern in Kleingruppen übernommen werden, ist bereits zum Markenzeichen des Ensembles geworden. „Wir nehmen jeden mit, der für die Musik brennt. Egal, wo er her kommt oder wie alt er ist“, beschreibt Gründungsmitglied Carmen Hillers das Geheimnis des Chores.
Wie in jedem Jahr bedankt sich der John-Dowland-Chor für die Stiepelser Gastfreundschaft mit einem öffentlichen Konzert. Der sprichwörtliche Funke springt bereits nach den ersten Takten auf die Zuhörer in der Marienkapelle über, die Leidenschaft, mit der musiziert wird, ist einfach nur ansteckend. „Wow, was für ein Sonntagvormittag!“, freuen sich die Konzertbesucher. „The fairest isle“, die schönste Insel, als die Göttin Venus zum Schluss der Oper England besingt, liegt an diesem Sommersonntag mit Sicherheit in Stiepelse.
Wer Purcells Oper mit dem John-Dowland-Chor und einem Orchester auf historischen Instrumenten erleben möchte, hat dazu am 13. November in der Kirche in Groß-Flottbeck/Hamburg die Gelegenheit.

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