Frauenhaus Ludwigslust : Gewalt gegen Frauen ist trauriger Alltag

Gewalt gegen Frauen zieht sich durch alle sozialen Schichten.
Gewalt gegen Frauen zieht sich durch alle sozialen Schichten.

Die Zahl der Hilfesuchenden im Kreis wird nicht mehr, aber auch nicht weniger. Ab 2018 unterstützt eine neue Mitarbeiterin das Frauenhaus-Team.

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13. Dezember 2017, 05:00 Uhr

Sie sind oft die letzte Rettung: Frauenhäuser. Die Betroffenen flüchten vor prügelnden Partnern, sexueller Gewalt oder dem Psycho-Terror in den eigenen vier Wänden.

„Das Erschreckende ist: Es werden zwar nicht mehr, aber leider auch nicht weniger Frauen, die sich Jahr für Jahr bei uns melden. Gewalt in der Familie ist also nach wie vor ein leidiges Thema in unserer Gesellschaft“, resümiert Ursula Dipphold, die Leiterin des Frauenhauses Ludwigslust, das sich in Trägerschaft der AWO befindet. Laut Statistik erduldeten die Hilfesuchenden im Durchschnitt sieben Jahre lang ihr Martyrium, bevor sie ausbrächen, berichtet die 61-Jährige, die der Schutzstätte seit 1995 vorsteht. „Gewalt gegen Frauen zieht sich durch alle sozialen Schichten. Je intelligenter die Frauen sind, desto länger harren sie aus.“ Wichtig sei es,  ihnen klar zu machen, dass sie nicht schuld seien, sondern die Täter, betont Ursula Dipphold im SVZ-Gespräch. Über 800 Frauen mit Kindern seien seit Anbeginn vorübergehend unter dem schützenden Dach der Einrichtung untergebracht worden. „In diesem Jahr waren es bisher 29 Frauen und 24 Kinder. 2016/17 sind wir auch schon mal an unsere Schmerzgrenze geraten, als verstärkt Flüchtlingsfrauen mit Kindern bei uns Schutz gesucht haben vor gewalttätigen Angehörigen. 19 von ihnen mussten wir sogar abweisen“, berichtet die Frauenhaus-Chefin weiter. Die Verweildauer richte sich je nach Schwierigkeit der Lebensumstände und liege zwischen drei und sechs Monaten. „Früher waren das in der Regel acht Wochen bis zu einem Neustart. Doch es wird immer schwieriger, kleine, bezahlbare Wohnungen für die Frauen und ihren Nachwuchs zu finden.“ Das Alter der Frauen, die sich hilfesuchend an sie wenden, läge zwischen 18 und 79 Jahren. Zwei Prozent von ihnen kämen über die Polizei ins Frauenhaus. Der Rest über andere Kanäle.

Stress, Überforderung, Hilflosigkeit und das Nicht-mehr-miteinander-reden seien oftmals Auslöser für Gewalt innerhalb der Familie. „Die sozialen Medien sorgen teils mit dafür, dass eine Sprachlosigkeit unter den Paaren einsetzt. Außerdem nehmen die psychischen Erkrankungen in unserer Gesellschaft zu, die bedürfen jedoch medizinischer Hilfe. Fakt ist: Häusliche Gewalt macht krank.“

Laut Informationen des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes Mecklenburg-Vorpommern sei die Zahl der Hilfesuchenden von 3869 im Jahr 2015 auf 4246 im Jahr 2016 gestiegen. Dabei sei die konkrete Zahl von Opfern häuslicher und sexueller Gewalt aufgrund der Dunkelziffer weitaus höher. Träger und Sozialverbände appellierten seit langen immer wieder an die Landesregierung, die Mittel im Doppelhaushalt 2018/2019 für Beratungs- und Hilfsangebote zu erhöhen, damit die Hilfen erhalten bleiben könnten. Von ursprünglich 17 Frauenhäuser in Meck-Pomm existieren nur noch neun.

Ursula Dipphold: „Seit über 12 Jahren bekommen wir eine sogenannte Festbetragsfinanzierung vom Land für die Personalkosten. Bei der Anteilsfinanzierung durch den Landkreis Ludwigslust-Parchim gab es bisher auch noch nie Probleme, weil man dort voll hinter uns steht. Für 2018/19 stellt uns das Land sogar Geld für eine dritte Personalstelle bereit. Ab 1. Januar wird uns eine neue Mitarbeiterin unterstützen. Was hier bei uns im Kreis passiert, ist großartig, denn alle Gleichstellungsbeauftragten arbeiten gut mit uns zusammen.“

Seit fast zwei Jahren wird die Frauenhaus-Leiterin durch Anja Dittmann verstärkt. „Dass es Gewalt in Familien gibt, hat mich nicht so sehr überrascht, wie das Maß der Trümmer, vor denen viele Frauen in ihrem Leben stehen. Das habe ich unterschätzt“, sagt die 34-Jährige. Sie sei mittlerweile dankbar dafür, dass ihr Leben so stabil sei. „Gewalt gegen Frauen ist trauriger Alltag, der oft  nicht mal weit vor der eigenen Haustür passiert. Sie  hat fast jede dritte Frau in Deutschland mindestens  schon einmal in ihrem Leben erfahren. Doch nur jede Fünfte holt sich Hilfe in einer Beratungsstelle. Auch in Parchim gibt es eine solche  seit über 12 Jahren.“

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