Boizenburg : Gefährlicher Weltbahnhof

Es sieht so ungefährlich aus. Doch auf diesen beiden Gleisen rauschen ständig ICEs nach Hamburg oder Berlin mit Geschwindigkeiten bis zu 270 Kilometern pro Stunde durch.
Es sieht so ungefährlich aus. Doch auf diesen beiden Gleisen rauschen ständig ICEs nach Hamburg oder Berlin mit Geschwindigkeiten bis zu 270 Kilometern pro Stunde durch.

Vergangene Woche gab es wieder einen Zwischenfall am Boizenburger Bahnhof durch die Gleisüberquerung einer Flüchtlingsfamilie

svz.de von
21. Januar 2016, 08:00 Uhr

Die syrische Familie hatte  gerade noch einmal Glück. Als die drei Erwachsenen mit einem Kleinkind und einem Baby im Kinderwagen am vergangenen Mittwoch die Gleise zwischen den beiden Bahnsteigen des Boizenburger Bahnhofs überquerten, war der ICE plötzlich da. Aber  erfasste nur ihren Koffer. Der Koffer wurde vollkommen zerstört, die Familie kam mit dem Schrecken davon.

Auf die Frage an Fredo Kreft, den Leiter des Boizenburger Polizeireviers, ob die Familie den Zug denn nicht hatte kommen sehen, immerhin war es mitten am Tag um 11.45 Uhr, sagte dieser: „Die Züge mit Geschwindigkeiten bis zu 270 Stundenkilometern sind so schnell und dann auch noch lautlos. Die sind dann einfach da, ohne dass man sie vorher bemerkt hat.“

Dieses Vorkommnis ist kein Einzelfall. Schon immer unternahmen Bahnreisende in Boizenburg das so einfach aussehende Abenteuer, von Bahnsteig 1 zu  Bahnsteig  2 oder umgekehrt über die Gleise zu kommen. Im September 2014 musste ein Russlanddeutscher diesen Weg mit seinem Leben bezahlen, er wurde von einem ICE erfasst. 

Seit September 2015 ist die die Anzahl der Asylbewerber, die auf dem Boizenburger Bahnhof ankommen, um weiter mit dem Bus oder Taxi in die Erstaufnahmeeinrichtung für Flüchtlinge in Mecklenburg-Vorpommern  nach Horst zu fahren oder die von dort kommen, enorm gestiegen. Zeitweise waren es 200 Flüchtlinge pro Tag , die  den Boizenburger Bahnhof passierten, heute sind es immer noch viele. Die wenigsten sprechen Deutsch und verstehen dementsprechend keine deutschen Durchsagen wie „Achtung, ein Zug fährt durch!“

Es ist einfach auch zu verlockend. Denn hat man am Boizenburger Bahnhof den falschen Bahnsteig erwischt und der Zug fährt gerade auf dem anderen Gleis ein, hat man auf dem normalen Weg keine Chance mehr,  diesen  noch zu erwischen. Eigentlich trennen einen nur rund 15 Meter vom  Objekt der Begierde - wenn man unerlaubt die Gleise überqueren würde. Als ordentlicher   Zeitgenosse muss man  stattdessen eine Distanz von mehreren hundert Metern überwinden. Man muss über den Bahnhofsvorplatz und die Unterführung der Bahngleise durchqueren, bis man irgendwann auf den zweiten Bahnsteig geleitet wird. Und weil  die Wege vorbildlich  barrierefrei und fahrradfreundlich angelegt sind, dauert es so seine Zeit, bis sie einen ans ersehnte Ziel führen. Da kann man dann seinem Zug nur noch ein „Leb wohl“ hinterherwinken.

Für die Asylbewerber gestaltet sich die Sache noch schwieriger, weil sie als Ortsfremde nicht auf den ersten Blick sehen können, wie sie von Gleis 2 zur Bushaltestelle bzw. zum Taxi kommen oder zum Gleis 1 und umgekehrt.

Durch die höhere Zahl der Flüchtlinge, die den Bahnhof passieren, stieg auch die Zahl derjenigen, die  den kurzen Weg über die Gleise wählten, nicht allzu selten, wie in der letzten Woche, samt Kindern und Kinderwagen. 

Weil sie diese Entwicklung beobachteten und mit Sorge verfolgten, wandte sich die Boizenburger Willkommens-Initiative bereits Ende November mit einem Schreiben an die Deutsche Bahn. Diese reagierte prompt und setzte zwei  Mitarbeiter eines privaten Sicherheitsdienstes  ein, die bis Ende Dezember täglich von 8 bis 19 Uhr vor Ort waren. Sie berieten die ankommenden Menschen,  verwiesen auf die Hinweisschilder  in  arabischer Sprache,  zeigten den Weg   und hinderten nicht  zuletzt die Menschen daran, die Gleise zu überqueren.  Nun sind die beiden Wachmänner weg, es gibt ein paar größere Schilder, aber der gefährliche  Weg über die Gleise wird jetzt trotzdem  immer wieder   mal gewählt.

„Ich sehe da Handlungsbedarf für die Deutsche Bahn“, meint Revierleiter Fredo Kreft.

Die Deutsche Bahn war bis gestern nicht über den Vorfall von letzter Woche informiert und will sich nach Aussage von Pressesprecher Burkhard Ahlert zeitnah damit beschäftigen.

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